Die Mitarbeiterin einer Mah-Jongg-Spielhalle desinfiziert einen Tisch. | REUTERS

Hongkong-Auswanderer Sparen, büffeln, nichts wie weg

Stand: 23.05.2021 05:04 Uhr

Wegen des wachsenden Pekinger Einflusses sehen viele keine Perspektive mehr in Hongkong. Um sich vorzubereiten, schulen Auswanderungswillige auf neue Berufe um und sparen eisern.

Von Ruth Kirchner, ARD-Studio Peking zzt. Berlin

Mary und Lulu, zwei junge Hongkongerinnen, zeigen im Internet wie es geht:  Haareschneiden für Anfänger. Schere, Kamm, zwei blonde Echthaarpuppen und los geht’s. Haare kürzen, Stufen reinschneiden - es sieht ganz einfach aus. Friseure, sagen sie, haben im Ausland gute Job-Aussichten.

Ruth Kirchner ARD-Studio Peking

Auch Kurse für Köche, Tierpfleger, Klempner und Elektriker haben seit letztem Sommer viel Zulauf. "Vor den Protesten von 2019 hatte ich 200 Schüler pro Jahr, jetzt sind es um die 250", sagt Thomas Lee von Skyline Tutors. Lee bereitet Klempner auf die staatliche Hongkonger Prüfung vor, die von vielen Staaten anerkannt wird. Neuerdings hat er viele Schüler, die auswandern wollen - nach Australien, Großbritannien oder Kanada. Sie erhoffen sich mit dem staatlichen Zertifikat bessere Chancen auf dem Arbeitsmarkt in der neuen Heimat.

Seit letztem Sommer wollen viele Hongkonger weg aus der Sonderverwaltungsregion. Sie sehen keine Zukunft mehr in der Sieben-Millionen-Metropole, in der die chinesische Staatsführung ihren Einfluss ausbaut und Bürgerrechte einschränkt.

Angst, verhaftet zu werden

Das nationale Sicherheitsgesetz, das seit Juli 2020 gilt, hat die Demokratiebewegung bereits deutlich geschwächt, die 2019 noch Hunderttausende zu Demonstrationen mobilisieren konnte. Wegen des Gesetzes und wegen der Corona-Pandemie sind Proteste jetzt kaum noch möglich. Auch das Wahlrecht wurde geändert - zu Ungunsten der Opposition. Viele Aktivisten sitzen Haft oder sind ins Ausland geflohen. Auch der 28-jährige Ah Nam will bald weg.

"Wenn ich in Hongkong bleibe, werde ich möglicherweise bald verhaftet. Das ist meine größte Angst", sagt er im Skype-Interview. "Das nationale Sicherheitsgesetz nimmt uns die Freiheit. Hongkong wird immer autoritärer und undemokratischer." Weggehen sei der einzige Ausweg.

Auch Ah Nam bereitet sich sorgfältig auf die Auswanderung vor. Anders als viele, die sich bereits abgesetzt haben, hat er keinen Hochschulabschluss, keine Ausbildung, schlägt sich mit diversen Jobs durch, wohnt in einem winzigen Zimmer - zusammen mit seinen beiden Katzen. Er hat zwar einen britischen Überseepass, aber nicht genug Geld für eine langfristige Aufenthaltsgenehmigung in Großbritannien, der früheren Kolonialmacht. Jetzt spart er jeden Cent.

"Für die Auswanderung nach Großbritannien brauche ich rund 200.000 Hongkong-Dollar", rechnet er vor. Das sind über 20.000 Euro. Gespart hat er gerade mal ein Viertel davon. Aber, sagt er, er lege jeden Monate Geld beiseite.

Die Flagge des Vereinigten Königreichs vor dem britischen Generalkonsulat in Hongkong. | dpa

Menschen legen vor dem britischen Generalkonsulat zu Ehren des verstorbenen britischen Prinz Philip, Herzog von Edinburgh, Blumen nieder (Archivbild vom 10.04.2021). Bild: dpa

Jeden Cent fürs Visum sparen

Auch Ah Nam treibt die Sorge um den künftigen Lebensunterhalt um. Um notfalls als Auslieferungsfahrer arbeiten zu können, hat er erst einmal den Motorradführerschein gemacht - und einen Lkw-Führerschein. Für eine mehrjährige Ausbildung fehlt ihm die Zeit. Denn in Hongkong macht bereits die Angst vor einem neuen Gesetz vom April die Runde, mit dem die Behörden nach Ansicht von Kritikern die Ausreise von Bürgern willkürlich verhindern könnten.

Wie viele Hongkonger die Stadt bereits verlassen haben, ist unklar. Laut britischen Medienberichten haben rund 35.000 Hongkonger seit Januar ein Fünf-Jahres-Visum für Großbritannien beantragt, mit dem später eine Einbürgerung möglich ist.

Klempnermeister Thomas Lee will nicht weg. Er war schon mal ein paar Jahre im Ausland. Noch vor der Rückgabe Hongkongs 1997 an China hatten ihn seine Eltern zur Ausbildung in die USA geschickt. Aber jetzt sei er zu alt, sagt der 53-Jährige, um in der Fremde noch einmal ganz neu anzufangen. "Ich selbst habe genug erlebt", sagt er. "Und als ich dann doch aus den USA zurückkam, lief es in Hongkong wirtschaftlich gerade sehr gut."

Angst vor dem wachsenden Einfluss Chinas in Hongkong habe er nicht, sagt Lee. Aber auch er hat vorgesorgt: Er hat jetzt seinen Sohn zum Studieren erst mal nach Großbritannien geschickt. Und die Verdienstaussichten für Klempner, meint er, seien dort richtig gut.

Über dieses Thema berichtete MDR aktuell am 23. Mai 2021 um 06:17 Uhr.