Auf Protestplakaten, die palästinensische Demonstranten halten, ist Hisham Abu Hawash abgebildet. | picture alliance / NurPhoto

Nahost-Konflikt Hungerstreik mit Eskalationsgefahr

Stand: 04.01.2022 10:42 Uhr

Der Palästinenser Abu Hawash ist wegen Sicherheitsbedenken in israelischer Haft. Er droht an seinem Hungerstreik zu sterben - in einer politisch heiklen Phase, wo die Spannungen zwischen Israelis und Palästinensern wieder zunehmen.

Von Benjamin Hammer, ARD-Studio Tel Aviv

Ein Handyvideo zeigt einen abgemagerten Mann mit Vollbart. Er liegt regungslos in einem Krankenhausbett, neben ihm stehen zwei Kinder und weinen. Es sollen die Söhne des Mannes sein. Der Mann, der Palästinenser Hisham Abu Kawash, befindet sich seit etwa 140 Tagen im Hungerstreik, wurde inzwischen von einem israelischen Gefängnis in ein israelisches Krankenhaus gebracht.

Benjamin Hammer ARD-Studio Tel Aviv

Nach Einschätzung seiner Unterstützer könnte der 40-Jährige bald sterben. Das israelische Krankenhaus, in dem er sich befindet, teilte mit, sein Zustand sei sehr schlecht. Genaue Aussagen sind jedoch schwierig, weil der Palästinenser und sein Umfeld genauere Untersuchungen durch die Israelis ablehnen.

Hisham Abu Hawash wurde vor etwa 14 Monaten im von Israel besetzten Westjordanland festgenommen. Der israelische Inlandsgeheimdienst behauptet, der Mann sei ein Mitglied des Islamischen Dschihad, den Israel, die USA und die EU als Terorrorganisation einstufen. Von Abu Hawash gehe Gefahr aus. Genaue Belege legte Israel aber nicht vor. Außerdem wurde der Mann gar nicht angeklagt. Dass er dennoch ins Gefängnis kam, liegt an der sogenannten Administrativhaft: Damit kann Israel Palästinenser ohne Anklage und reguläres Gerichtsverfahren festhalten.

Raketenbeschuss aus Gaza

Eine Haft ohne Anklage und ohne veröffentlichte Beweise: Dagegen protestiert Hisham Abu Hawash mit seinem Hungerstreik. Und die Proteste in den palästinensischen Gebieten, die seine sofortige Freilassung fordern, nehmen zu.

Auch das Internationale Rote Kreuz hat sich eingeschaltet. Die palästinensische Autonomiebehörde von Machmud Abbas teilte mit, Israel sei verantwortlich, falls Abu Hawash stirbt. Der Islamische Dschihad wiederum drohte für diesen Fall wörtlich mit einer "Explosion".

Die Drohung ist relevant, da die Spannungen zwischen beiden Seiten nach Wochen relativer Ruhe zuletzt wieder zugenommen hatten. Am Wochenende wurden zwei Raketen vom Gazastreifen in Richtung des Meeres vor Tel Aviv abgefeuert. Zwar kam niemand zu Schaden, Israel spricht aber von einem ernsten Ereignis. Es gibt Spekulationen, dass der Islamische Dschihad hinter den Raketenbeschuss steckt.

Zuspruch von Knesset-Abgeordneter

Unterstützung bekommt der Häftling im Hungerstreik auch von der arabisch-israelischen Knesset-Abgeordneten Aida Touma-Sliman. "Die Administrativhaft stellt ein großes Verbrechen dar. Die Israelis, Bürger dieses Staates dürfen es nicht zulassen, dass in ihrem Namen dieses Verbrechen dazu führen wird, dass ein Mann stirbt, weil er um seine Freiheit kämpft", sagt sie.

Sie rief dazu auf, Druck auf den israelischen Verteidigungsminister Benny Gantz auszuüben, damit die Administrativhaft beendet werde.

Israels Administrativhaft ohne Anklage ist international sehr umstritten. Das Land verteidigt die Praxis: Sie sei notwendig, um Menschen, von denen Gefahr ausgehe, in Haft zu halten und gleichzeitig sensible Erkenntnisse der Geheimdienste nicht zu veröffentlichen.

Über dieses Thema berichtete Inforadio am 05. Januar 2022 um 08:52 Uhr.