Recep Tayyip Erdogan | via REUTERS

Türkischer Präsident Erdogan wirkt angezählt

Stand: 14.10.2021 03:55 Uhr

Sinkende Umfragewerte, steigende Inflation und Spekulationen über seine Gesundheit: Der türkische Präsident steht zunehmend schwach da - und kann offenbar nicht mehr auf alte Tricks setzen.

Von Oliver Mayer-Rüth, ARD-Studio Istanbul

"Du wiederholst dich ständig. Geht es dir gut?", fragte am vergangenen Wochenende Kemal Kilicdaroglu den türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan. Kilicdaroglu ist Chef der säkularen Mitte-Links-Partei CHP und Oppositionsführer im türkischen Parlament. Zum wiederholten Mal stellt er Erdogans physische und mentale Gesundheit in Frage. Dieser wirkt bei Auftritten bisweilen müde und erschöpft. Sein Gang ist schleppend. Selbst ein vor etwa zehn Tagen in den Sozialen Medien geteiltes Video aus dem Palast, das Erdogan mit schwungvoller Musik beim Basketballspielen zeigt, kann Spekulationen über sein Wohlbefinden nicht eindämmen.

Oliver Mayer-Rüth ARD-Studio Istanbul

Erdogan wirkt angezählt, nicht nur gesundheitlich: Auch die Umfragen gehen in den vergangenen Monaten nur noch in eine Richtung - nach unten. So zeigt eine jüngste Erhebung des Forschungsinstituts Metropoll, dass knapp 54 Prozent der Wähler davon ausgehen, dass Erdogans Partei AKP bei den nächsten Wahlen - die turnusgemäß 2023 stattfinden - aus der Regierungsverantwortung gewählt wird.

Gleichzeitig steigen die Werte der oppositionellen nationalistischen Iyi-Partei deutlich. Die frühere Innenministerin und Iyi-Chefin Meral Aksener kann offenbar enttäuschte Erdogan-Wähler begeistern. Derzeit liege deren Partei bei 19,3 Prozent, gibt das Meinungsforschungsinstitut Konda an. Metropoll sieht die Iyi-Partei bei 15 Prozent.

Afghanische Flüchtlinge - für Erdogan ein Debakel

Aksener schlägt stramme Töne an, wenn es um Flüchtlinge in der Türkei geht: Diese würde sie zügig deportieren. Nicht sehr weit weg ist sie mit der Haltung von Kemal Kilicdaroglus CHP. Beim Thema afghanische Flüchtlinge konnten die beiden im Bündnis stehenden Oppositionspolitiker Erdogan tagelang mit martialischen Sprüchen wie "die Grenze ist unsere Ehre" vor sich her treiben.

Bilder von großen offenbar aus Afghanistan kommenden Menschengruppen, die aus den iranischen Bergen zu Fuß in die Türkei flüchteten, versetzten viele Türken in Aufruhr. Erdogan musste die Zahl der Sicherheitskräfte an der Grenze deutlich erhöhen, die Flüchtlinge aufhalten - und konterkarierte so sein jahrelang gepflegtes Image vom Schutzherrn der Muslime.

Aus Afghanistan geflüchtete Männer bei ihrer Festnahme durch die türkische Polizei. | EPA

Aus Afghanistan geflüchtete Menschen wurden für Erdogan zum Debakel: Er konnte sich weder als Grenzschützer noch als Schutzherr aller Muslime darstellen (Bild vom 25.08.2021). Bild: EPA

CHP und Iyi-Partei kommen Umfragen zufolge auf zusammen mindestens 40 Prozent und liegen so mit dem Bündnis der Erdoganpartei AKP und der rechtsextremen MHP gleichauf. Die kurdisch geprägte Oppositionspartei HDP liegt bei etwa zehn Prozent. CHP, Iyi-Partei und HDP treffen sich mit weiteren Oppositionsparteien inzwischen regelmäßig und planen Erdogans politisches Ende.

Einst begeisterte Wähler wenden sich ab

Aber auch einst begeisterte Wähler zweifeln an dem 67-Jährigen - vor allem aus ökonomischen Gründen. 80 Prozent der Bevölkerung seien der Ansicht, dass die wirtschaftliche Lage schlecht ist, sagt Özer Sencar, Leiter des Instituts Metropoll. Damit Erdogan wieder zu alter Stärke kommt, müsste die türkische Wirtschaft deutlich stärker wachsen. Tatsächlich legt aber vor allem die Inflation zu - beziehungsweise der Euro- und Dollarkurs im Vergleich zur türkischen Währung Lira.

Vergangenes Wochenende behauptete Erdogan, in Deutschland und Frankreich müssten die Menschen für Lebensmittel Schlange stehen, während es so etwas in der Türkei nicht gebe. Solche Sprüche bringen keinen Meinungsumschwung, sorgen aber für viel Häme in den Sozialen Medien. 

Und auch außenpolitische Abenteuer mit dem Anspruch einer Großmacht verfangen nicht mehr wie früher: Jüngst drohte Erdogan, erneut in Syrien gegen die Kurdenmiliz YPG vorzugehen. Eine militärische Offensive würde ihm jedoch kaum zu Pluspunkten bei den Wählern verhelfen, glaubt Meinungsforscher Sencar. Um den Trend umzukehren, müssten außergewöhnliche Szenarien eintreten: ein Ereignis wie der Putschversuch im Juli 2016 - oder ein falscher Spitzenkandidat der Opposition bei den nächsten Wahlen.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 30. August 2021 um 09:10 Uhr.