Eine Krankenschwester im Iran erhält eine Corona-Impfung (Archivbild). | AFP
Reportage

Corona-Impfungen im Iran Große Bereitschaft, großes Misstrauen

Stand: 10.03.2021 02:54 Uhr

Obwohl der Iran heftig von der Pandemie betroffen ist, wurden Impfstoffe aus den USA und Großbritannien verboten. Seit wenigen Wochen werden die ersten Iraner mit dem russischen Präparat geimpft. Bald soll ein eigenes Vakzin auf den Markt kommen.

Von Karin Senz, ARD-Studio Istanbul

Ende Februar in Teheran: Die Regierung hat Journalisten in den Konferenzsaal eines Krankenhauses eingeladen. Ein Moderator erklärt, was sie gleich live miterleben werden. "Sie dürfen Zeuge sein, wie die klinische Studie zum iranischen Impfstoff Razi Cov Pars beginnt." Auf Bildschirmen auf der Bühne sieht man, wie sich zwei Freiwillige impfen lassen. Alles ist sehr feierlich.

Karin Senz ARD-Studio Istanbul

Der Iran forscht an mehreren eigenen Impfstoffen und hofft, sie in wenigen Monaten freigeben zu können. Kianoush Jahanpour vom Gesundheitsministerium:

Wir dachten, dass die Iraner eher zu ausländischem Impfstoff neigen, weil Corona-Impfstoff insgesamt neu war und wir weniger Erfahrung mit der Herstellung - praktisch von null auf einhundert - hatten. Es wurden mindestens zwei wissenschaftliche Umfragen von unabhängigen Organisationen gemacht. Und die zeigen, dass im einen Fall 51% und im anderen Fall 56% der Befragten den iranischen Impfstoff bevorzugen.

Impfen als Politikum

Ali arbeitet in einem schicken Herrenbekleidungsgeschäft in Teheran. Auch wenn sein Laden gerade leer ist, der 49-jährige kommt doch während der Arbeit mit einigen Kunden in Kontakt. Er will sich auf jeden Fall impfen lassen - mit welchem Präparat? "Egal. Auch die inländischen Impfstoffe müssen ja getestet werden. Das ist meiner Meinung nach kein politisches Thema. Jeder will doch diese Krankheit ausrotten."

Tatsächlich ist es zu einem politischen Thema geworden. Anfang Januar erklärt der Oberste Führer Ayatollah Ali Khamenei:

Amerikanischen und britischen Impfstoff zu importieren, ist verboten. Wenn die Amerikaner in der Lage wären, einen Impfstoff zu produzieren, hätten sie nicht ein solches Coronavirus-Fiasko in ihrem eigenen Land.

Auch im Iran Impfverweigerer

Auch Mirzaee arbeitet in einem Bekleidungsgeschäft nur ein paar Straßen weiter, wie sein Kollege. Der 50-jährige sitzt hinter dem Ladentresen ohne Maske. "Ich werde mich erstmal nicht impfen lassen. Ich habe davon auch gar keine Ahnung, habe mir da noch nicht wirklich Gedanken darüber gemacht."

Einige Iraner winken ab, wenn es ums Impfen geht. Oft begründen sie das mit Verschwörungstheorien oder Geldmacherei. Bei Mirzaee ist das etwas anders: Er hat schlicht Angst.

Vielleicht stellen gerade andere Länder wie die Vereinigten Staaten und Deutschland sehr gute Impfstoffe her. Aber die müssen erstmal ausprobiert und verimpft werden, bevor wir entscheiden können, welche Produkte wirklich geeignet sind.

Sanktionen beeinflussen auch die Corona-Bekämpfung

Im Gesundheitsministerium will man aber so schnell wie möglich mit den Impfungen vorankommen. Kianoush Jahanpour:

Der Iran hat eines der stärksten Gesundheitsnetzwerke der Welt. Wir haben mehr als 18.000 Gesundheitszentren und mehrere tausend Gesundheitsstationen, auch in den entlegensten Teilen und Dörfern des Landes. Die Impfung gegen Covid-19 wird über dieses Netzwerk organisiert, wie auch schon nationale Impfungen in den letzten Jahrzehnten.

Tatsächlich ist die medizinische Grundversorgung im Iran besser aufgestellt als viele glauben. Bei Corona wird sie aber laut Kianoush Jahanpour doppelt ausgebremst.

Die größte Herausfordeurng ist die Produktion des Impfstoffs und die Verfügbarkeit, wie überall auf der Welt. Und die zweite Herausforderung sind die Sanktionen, was die Banken und den Geldtransfer angeht.

Eigentlich ist dieser Bereich aus den US-Sanktionen ausgenommen. Aber viele Banken riskieren aus Unsicherheit und Angst vor US-Strafen keine Geschäfte mit dem Iran, selbst wenn es um medizinische Hilfe geht, sagen Experten.

"Das Gefängnis verlassen"

Im Teheraner Krankenhaus ist die offizielle Impfshow zu Ende. Amir, einer der Freiwilligen, die bei der Studie für iranischen Impfstoff mitmachen, zeigt sich hinterher ziemlich erleichert.

Ich fühle mich befreit. Das Coronavirus hat lange genug unser Leben in Beschlag genommen. Ich bin wirklich glücklich, dass ich dieses gefühlte Gefängnis verlassen kann. Ich bin sozusagen einer der ersten, die rauskommen.

Der 23-jährige ist Student im Iran, erzählt er. Er würde das Land aber gerne verlassen und nach Europa auswandern.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 10. März 2021 um 08:38 Uhr.