Auf einer Messe in Zhuhai (China) fotografiert ein Besucher Modelle von chinesischen Raumfahrt-Raketen. | AP
Analyse

Chinas Hyperschall-Test Ein zweiter Sputnik-Schock?

Stand: 28.10.2021 03:54 Uhr

China verweist Berichte über einen Test einer Hyperschall-Rakete ins Reich der Fantasie. Zugleich richtet es den Vorwurf der Hochrüstung gegen die USA. Was also ist dran an der Sorge vor einer bedrohlichen Technologie?

Von Steffen Wurzel, ARD-Studio Shanghai

Keine Rakete sei getestet worden, sondern ein Raumfahrzeug, auf diesen Unterschied legte Chinas Regierungssprecher Zhao Lijian großen Wert, als er angesprochen wurde auf den Artikel der "Financial Times" zu Chinas Waffen-Ambitionen. Dem Bericht zufolge hat Chinas Militär im August eine so genannte Hyperschallwaffe getestet. Ein Waffensystem also, das die Vorteile einer Interkontinentalrakete mit denen von Marschflugkörpern verbindet.

Steffen Wurzel ARD-Studio Shanghai

Das bedeutet: Eine Hyperschallwaffe ist einerseits schnell und hat eine große Reichweite, mit der theoretisch jeder Punkt der Erde erreicht werden kann. Andererseits sind Hyperschall-Geschosse während des Flugs flexibel steuerbar. Auch sind sie verhältnismäßig niedrig unterwegs, können also erst relativ spät vom gegnerischen Radar entdeckt werden.

Bei dem Flug habe es sich um einen Routinetest gehandelt, sagte der Sprecher der Staats- und Parteiführung. Es sei darum gegangen, zu testen, inwieweit Raumfahrzeuge wiederverwendbar seien. Ziel sei es, bei Flügen ins Weltall Kosten zu reduzieren und so die friedliche Nutzung des Weltraums zu fördern.

Erinnerungen an den Kalten Krieg

Seit Zhao Lijians Erklärungen bei einer Pressekonferenz Mitte Oktober hört man in der Volksrepublik von offiziellen Stellen nichts mehr zum Thema. In chinesischen Social-Media-Netzwerken finden sich allerdings zahlreiche Kommentare von Nutzerinnen und Nutzern, die sich darüber freuen, dass Chinas Militär die US-Amerikaner mit dem Test wohl gehörig aufgeschreckt habe.

Auch in den USA sprachen einige Medien aufgeregt von einer Art neuem Sputnik-Schock für das US-Militär - so bezeichnen Historiker die westliche Reaktion auf den ersten Start eines künstlichen Satelliten im Oktober 1957 durch die Sowjetunion. Damals wurde den Regierungen in den USA und in Westeuropa schlagartig klar: Wer einen piepsenden Satelliten ins All schießen kann, kann auch Atomraketen auf Städte in den USA und Westeuropa abfeuern.

Start einer chinesischen Trägerrakete vom Typ "Langer Marsch-2F", um das Raumschiff "Shenzou-13" ins All zu bringen. | AP

China treibt seine Präsenz im All voran. Mitte Oktober startete eine Trägerrakete vom Typ "Langer Marsch-2F", um das Raumschiff "Shenzou-13" ins All zu bringen. Auf der Raumstation "Tianhe" sollen die Astronauten dann ein halbes Jahr bleiben. Bild: AP

Eine bekannte und erprobte Technik

Chinas vermeintlicher neuer Hyperschall-Flugkörper allerdings habe längst nicht solch eine Bedeutung, sagt Joshua Pollack vom Middlebury Institute of International Studies in Monterey im US-Bundesstaat Vermont. Er ist einer der führenden Experten für Nuklearwaffen und atomare Rüstungskontrolle in den Vereinigten Staaten, vor allem in Bezug auf Asien.

"Die Bedeutung dieses chinesischen Tests wird übertrieben. Weil es sich hier um eine so ungewöhnliche Technologie handelt, waren einige Beobachter zunächst beunruhigt und verstört", sagt er. "Allerdings handelt sich bei dem chinesischen Flugkörper nicht um eine neue Technologie, sondern um eine, die die USA bereits in den 1970er-Jahren entwickelt haben."

Pollack verweist auf den Space Shuttle der NASA, der im Grunde vergleichbar sei mit dem nun von Chinas Militär getesteten System:

Das Ganze ist eine Rakete mit einem Orbiter. Dieser Orbiter hat Flügel, so dass er beim Wiedereintritt in die Atmosphäre zu seinem Ziel gleiten kann. Natürlich kann man einen solchen Orbiter nicht nur als zivilen Space Shuttle bauen, sondern auch als einen, der keine Menschen an Bord hat und keine Satelliten, sondern Waffen.

Ein deutlicher Hinweis an die USA

Dass Chinas Militär an Hyperschallwaffen forsche, liege auf der Hand, sagt Pollack. Es gehe der Staats- und Parteiführung darum, den Vereinigten Staaten zu demonstrieren, dass man in der Lage sei, deren bisherige Raketenabwehrsysteme im Zweifel zu überwinden. An der Grundsituation, dass die USA militärisch deutlich stärker seien als China, ändere sich durch den Test aber nichts:

Es scheint ein bisschen so, als wolle Chinas Führung allen zeigen, dass sie der Übermacht der USA nicht hilflos gegenübersteht. Sie will demonstrieren, dass China hochgradig ausgerüstet ist und nicht einfach ignoriert werden oder mit Verachtung gestraft werden kann.

Die größte Herausforderung

Die US-Regierung gab sich nach den Berichten über Chinas Hyperschallwaffentest demonstrativ gelassen, aber auch bestimmt. US-Verteidigungsminister Lloyd Austin betonte, das amerikanische Militär habe Chinas Aufrüstung im Blick - und im Übrigen bleibe es dabei: China sei seine größte Herausforderung als Verteidigungsminister.

Die vergifteten Beziehungen zwischen China und den USA seien definitiv ein Anlass zur Sorge, sagt der US-Nuklearwaffenexperte Pollack, aber er differenziert:

Keine einzelne, spezifische Entwicklung, die wir beobachten - dieser Waffen-Test zum Beispiel - ist konkret besorgniserregend. An der grundsätzlichen Tatsache, dass beide Staaten in der Lage sind, sich gegenseitig mit Atomwaffen anzugreifen, hat sich nichts geändert. Weder China noch die USA sind in der Lage, der anderen Seite diese Fähigkeit eines atomaren Angriffs zu nehmen.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 18. Oktober 2021 um 13:00 Uhr.