In Peking protestieren Menschen mit weißen Blättern Papier gegen die Corona-Politik. | dpa

Gegen Null-Covid-Politik Zahlreiche Festnahmen bei Protesten in China

Stand: 28.11.2022 04:33 Uhr

In mehreren Städten Chinas haben Menschen gegen die strikte Corona-Politik demonstriert. Es gab viele Festnahmen. Die BBC berichtet, einer ihrer Reporter sei vorübergehend festgenommen und von der Polizei geschlagen worden.

Von Eva Lamby-Schmitt, ARD-Studio Shanghai

Bis in die frühen Morgenstunden zogen Menschen in der chinesischen Hauptstadt Peking durch die Straßen und demonstrierten gegen Chinas strikte Null-Covid-Politik. Schätzungsweise mehrere Hundert Personen kamen an verschiedenen Orten in Peking zusammen.

Eva Lamby-Schmitt ARD-Studio Shanghai

Viele brachten ein weißes Blatt Papier mit, welches innerhalb der vergangenen Stunden zum Zeichen der Proteste in China geworden ist. "Mehr gibt es nicht zu sagen", so Demonstranten zur ARD über das weiße Blatt Papier - es gilt als Protest gegen die Zensur. Die Polizei war mit einem massiven Großaufgebot im Einsatz und versuchte, die Demonstrierenden zu zerstreuen.

Ein junger Pekinger, der anonym bleiben möchte, sagte der ARD in Bezug auf die Zensur in China:

Die Menschen, die heute nicht hier sind, werden morgen überhaupt nichts darüber erfahren. Die Medien werden auch nicht darüber berichten. Aber wir können hierher kommen. In diesem Moment existieren wir genau hier, das bedeutet schon etwas. Und wir sagen unsere Meinung. Ich bin Pekinger, lebe hier seit vielen Jahren. Was ich heute erlebt habe, ist neu für mich. Seit meiner Kindheit habe ich noch nie die Chance gehabt, mich öffentlich zu äußern.

Die Menschen wollten sich mit denjenigen solidarisieren, die schon in anderen Städten Chinas gegen die Corona-Maßnahmen demonstriert haben und dabei festgenommen wurden, sagte eine Frau in Peking der Nachrichtenagentur Reuters.

In Shanghai wurden bereits viele Menschen festgenommen, nicht nur gestern Abend. Sie haben es für alle getan. Für alle Menschen, damit die sie nicht in ihren Wohnungen eingesperrt sind, damit jeder Medikamente und Lebensmittel bekommen kann. Wir müssen diesen Menschen helfen. Befreit die Menschen in Shanghai!

Proteste in Shanghai, Nanjing und Urumqi

Den Protesten in Peking waren Proteste in Shanghai und anderen Städten wie Nanjing im Osten des Landes und Urumqi, der Hauptstadt des chinesischen Landesteils Xinjiang, vorausgegangen. In Shanghai sangen die Menschen mehrmals die chinesische Nationalhymne und die "Internationale". Sie forderten ein Ende der Lockdowns und Freiheit. Sie riefen auch "Lang lebe das Volk!" und "Ich liebe China!".

Doch auch an der Regierung gab es deutliche Kritik. Teilweise gab es Forderungen, Staats- und Parteichef Xi Jinping solle zurücktreten.

Ein Mann sagte zur ARD:

Wir sind wegen des Feuers in Urumqi hier, das Menschenleben gekostet hat. Urumqi ist seit mehr als 100 Tagen abgeriegelt. Die Menschen in Shanghai wissen, wie sich das anfühlt. Wir waren zwei Monate lang im Lockdown. Deshalb sind wir mutig genug, heute hierher zu kommen, um zu unterstützen. Wenn wir etwas über Urumqi posten, dann löschen die Behörden unsere Beiträge und Videos und sperren unsere Konten. Wir sind heute hier, um zu sagen: keine Diktatur, sondern Demokratie. Xi Jinping tritt zurück!

Bei den Protesten in Shanghai ging die Polizei teils hart gegen Demonstrierende vor. Zahlreiche Menschen wurden festgenommen. Darunter auch ein Reporter des britischen Rundfunks BBC, der über die Proteste in Shanghai berichtet hatte. Laut der BBC sei er bei der Festnahme von Polizisten geschlagen und getreten worden, obwohl er als Journalist akkreditiert gewesen sei. Er sei nach mehreren Stunden wieder freigelassen worden.

In einem Statement zeigte sich die BBC besorgt darüber, wie in China mit Journalisten umgegangen werde. In China gibt es keine Presse- und Meinungsfreiheit.

Wohnungsbrand in Urumqi war Auslöser

Die Proteste in China gegen die Corona-Maßnahmen waren durch einen Wohnungsbrand in Urumqi ausgelöst worden, bei dem am Donnerstagabend nach offiziellen Angaben zehn Menschen ums Leben kamen. In chinesischen Online-Netzwerken kursieren auch Gerüchte über mehr Todesopfer. Das ließ sich bisher nicht verifizieren.

Die Feuerwehr soll wegen Corona-bedingten Straßensperrungen nicht rechtzeitig an den Unglücksort gekommen sein, beklagen Anwohner.

Die chinesische Staats- und Parteiführung hält weiterhin an einer strikten Null-Covid-Politik fest. Trotz der Maßnahmen verzeichnete China in den vergangenen Tagen Höchstwerte an Neuinfektionen.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 27. November 2022 um 17:45 Uhr.