Impfstoff wird in China verpackt | REUTERS

Impfkampagne in China Nationalismus und Propaganda

Stand: 27.01.2021 09:25 Uhr

In China sind bereits Millionen Menschen gegen Covid-19 geimpft worden - mit chinesischen Impfstoffen. Gegen die westliche Konkurrenz machen Staatsmedien und Regierung Stimmung - dabei werfen die eigenen Vakzine Fragen auf.

Von Ruth Kirchner, ARD-Studio Peking, zzt. Berlin

Die Impfkampagnen in China laufen auf Hochtouren. Wie zum Beispiel in der ostchinesischen Stadt Shenyang werden vor allem Krankenhausmitarbeiter, Beschäftige in der Lebensmittelindustrie, Bus- und Taxi-Fahrer geimpft – mit chinesischen Impfstoffen von Sinovac und Sinopharm. Er habe volles Vertrauen in die chinesische Wissenschaft und ihre Ergebnisse, sagt ein Mann. Er hat seine erste Impfung gerade erhalten. Über 22 Millionen Impfdosen wurden nach offiziellen Angaben bereits verabreicht.

Ruth Kirchner ARD-Studio Peking

Zugleich läuft eine zweite Kampagne - eine der Desinformation und Verunsicherung. Im Fokus: westliche Impfstoffe wie die von Biontech/Pfizer und Moderna. Von "unbekannten Risiken einschließlich Todesfällen" schreibt die nationalistische Tageszeitung "Huanqiu Shibao" diese Woche. Gao Fu, Direktor des chinesischen Zentrums für Seuchenbekämpfung, hatte schon Ende 2020 vor Nebenwirkungen bei den  westlichen Impfstoffe gewarnt: "Es ist das erste Mal, dass mRNA-Impfstoffe bei gesunden Menschen eingesetzt werden. Also da stellen sich Sicherheitsfragen."

Propaganda per Twitter

Während Gaos Aussagen als wissenschaftliche Skepsis verstanden werden können, gehen Chinas Diplomaten in die Offensive. Zhao Lijian, Sprecher des Außenministeriums, verbreitete kürzlich die reißerische Schlagzeile auf Twitter: "Zehn Tote in Deutschland nach Pfizer-Impfung". Eine schnelle Internetrecherche hätte aufklären können, dass das Paul-Ehrlich-Institut einen Zusammenhang mit der Corona-Impfung für höchst unwahrscheinlich hält.

Aber um Aufklärung gehe es gar nicht, sagt Jessica Brandt vom Think Tank German Marshall Fund in Washington. Sie hat die Twitter-Strategie von Chinas Diplomaten unter die Lupe genommen. "Sie wissen genau, dass man mit leiser Diplomatie bei Twitter keine Follower bekommt, sondern eher mit dem aggressiven Verhalten, das wir bei einigen Sprechern und Diplomaten sehen", erklärt Brandt.

Von eigenen Versäumnissen ablenken

Seit Beginn der Corona-Pandemie hat China seine Aktivitäten bei Twitter deutlich erhöht.  Da die Plattform in China gesperrt ist, richten sie die Tweets an internationales Publikum, während die staatlich kontrollierten Medien im Inland Zweifel an den westlichen Impfstoffen säen. "Es geht oft nicht um Fake News, um Falschinformationen, sondern um irreführende Informationen ohne Kontext", sagt Brandt. Das mache den Umgang damit oft noch schwieriger.  "Es geht darum, westliche Impfstoffe in Zweifel zu ziehen und die chinesischen Alternativen als attraktiver darzustellen."

Ganz offen werden von chinesischen Diplomaten auch Verschwörungserzählungen über den Ursprung des Coronavirus verbreitet, mit dem Ziel, von eigenen Versäumnissen beim Ausbruch der Pandemie abzulenken. Twitter selbst versieht die Diplomaten-Tweets seit letztem Sommer mit einem Hinweis, dass es sich um Regierungsaccounts handelt. Auch die Konten chinesischer Staatsmedien werden gekennzeichnet - was laut einer Untersuchung des China Media Projects in Hongkong die Weiterverbreitung dieser Tweets deutlich ausgebremst hat. Dennoch erreichen Chinas Außenamtssprecher und Staatsmedien  bei Twitter weltweit über 30 Millionen Menschen.

China verkauft eigene Impfstoffe in alle Welt

Unterdessen ruft Chinas Staats- und Parteichef Xi Jinping in seiner Video-Ansprache beim Weltwirtschaftsforum in Davos zu mehr internationaler Zusammenarbeit im Kampf gegen die Pandemie auf. Gleichzeitig verkauft China seine eigenen Impfstoffe Sinovac und Sinopharm in alle Welt, unter anderem an Serbien, die Türkei, Indonesien und Brasilien. Impfstoff-Lieferungen werden mit großem propagandistischen Aufwand begleitet - chinesische Fahnen am Ankunftsflughafen inklusive.

Ein Mitarbeiter des Flughafens in Belgrad hält die chinesische Flagge bei der Ankunft des Impfstoffs aus China. | REUTERS

Der Impfstoff aus China ist am Flughafen in Belgrad angekommen und wird mit chinesischer und serbischer Flagge empfangen. Bild: REUTERS

Allerdings sind gerade bei diesen Impfstoffen noch viele Fragen offen. Darüber wird aber in China nicht offen berichtet. So hat das Präparat von Sinovac noch immer keine allgemeine Zulassung. Die Daten zur Wirksamkeit sind widersprüchlich. Der Gesundheitsexperte Keiji Fukuda von der University of Hongkong forderte in einem Interview mit der amerikanischen Handelskammer in China mehr Transparenz. "Wir würden gerne die Daten aus den Phase-3-Tests sehen. Wie viele Menschen wurden dabei geimpft und welche Altersgruppen?" Solche Daten sollten Fukadas Ansicht nach normalerweise öffentlich zugänglich gemacht werden. Aber viele dieser Informationen lägen nicht vor. Und so bleiben Zweifel: sowohl an den chinesischen Impfstoffen als auch an Chinas Impfstoff-Diplomatie und am wachsenden Impfstoff-Nationalismus in China.

Über dieses Thema berichtete Inforadio am 27. Januar 2021 um 10:07 Uhr.