Kinder warten in Kabul (Afghanistan) auf einen Transport, nachdem sie vom Welternährungsprogramm gespendete Lebensmittel erhalten haben.  | AP

Welternährungsprogramm Die UN wollen Afghanistan nicht aufgeben

Stand: 01.09.2021 20:19 Uhr

Millionen Afghanen sind auf Lebensmittel der Vereinten Nationen angewiesen. Die Lieferungen sollen weiterlaufen, obwohl nun die Taliban herrschen. Doch die Reserven im Land gehen zur Neige - die Finanzierung ist prekär.

Von Lisa Weiß, ARD-Studio Rom

Es ist schon dunkel in Afghanistan, als Andrew Patterson sich aus seinem Büro in Kabul zuschaltet. Die Internetverbindung ist schlecht, immer wieder reißt sie ab. Patterson ist der stellvertretende Regionaldirektor des Welternährungsprogramms der Vereinten Nationen für Afghanistan.

Lisa Weiß

Er ist geblieben, während viele andere westliche Ausländer so schnell wie möglich das Land verlassen haben. Denn er und seine Kollegen haben eine Mission. "14 Millionen Menschen in diesem Land haben keinen gesicherten Zugang zu Nahrungsmitteln. Über zwei Millionen Kinder sind unterernährt. Wir versuchen, Essen zu ihnen zu bringen." Immer noch, auch nach der Machtübernahme der Taliban.

"Wir entscheiden, wer Hilfe braucht"

Ja, natürlich, die Situation sei schwierig, sagt Patterson. Besonders in Kabul, rund um den Flughafen, sei die Sicherheitslage nicht gut. Aber paradoxerweise ist der Rest des Landes seiner Ansicht nach tendenziell sicherer geworden. Es wird weniger gekämpft. Pattersons Gelassenheit könnte auch daran liegen, dass seine Organisation Erfahrung mit den Regimes hat, die in Afghanistan wechselten.

Seit 1963 ist das Welternährungsprogramm in Afghanistan aktiv. Die Mitarbeiter haben Sowjets, Mudschaheddin, Taliban und westliche Truppen das Land kontrollieren sehen. "Wir haben die ganzen letzten Jahre hindurch Nahrungsmittel in Afghanistan verteilt, während verschiedene Gebiete innerhalb Afghanistan langsam unter die Kontrolle der Taliban gerieten - besonders in ländlichen Regionen", erzählt Patterson. Vor ein paar Wochen hätten die Taliban schon praktisch das ganze Land kontrolliert, mit Ausnahme der großen Ballungszentren.

Dass der Flughafen momentan nicht nutzbar ist, ist für das Welternährungsprogramm ebenfalls nicht entscheidend: 60 Prozent der Lebensmittel, die die Mitarbeiter verteilen, kommen aus dem Inland. Der Rest wird auf dem Landweg aus Usbekistan, Pakistan oder Turkmenistan nach Afghanistan gebracht.

Lebensmittel, Nahrungsergänzungsmittel oder auch mal Geld - alles geht dann direkt an Einzelpersonen oder Familien, nicht an dubiose Regionalregierungen, betont Patterson. "Wir verteilen auf der Basis von humanitären Prinzipien: Neutralität, Unabhängigkeit und Menschlichkeit. Und wir akzeptieren keine Einschränkungen. Wir entscheiden, wer Hilfe braucht. Und liefern dann."

Verhandlungen mit lokalen Taliban

Was die Machtübernahme der Taliban aber jetzt konkret für die Arbeit der Helfer vor Ort bedeutet, sei noch unklar, sagt Patterson. Die Bedingungen, zu denen NGOs arbeiten können, stehen noch nicht fest. Die Essensverteilungen sind in den meisten Regionen wieder angelaufen, nur in Herat und Kabul gibt es größere Probleme.

Und dann ist da noch die Frage: Wie geht es weiter mit den Frauen? "20 Prozent unserer Mitarbeiter sind Frauen. Wir hätten gerne mehr und wir wollen auch, dass die, die wir einstellen, zur Arbeit kommen können, vor Ort sein können, ihre normalen Aufgaben erledigen können", sagt der Regionaldirektor.

An einigen Orten hätten sie kleinere Restriktionen bemerkt. "Das heißt, wir müssen mit den Taliban verhandeln." Das geschieht einerseits vor Ort - mit lokalen Talibanführern, in Herat, Kandahar oder Masar-i-Scharif. Die Taliban haben auch eine NGO-Kommission, die Ansprechpartner für alle Hilfsorganisationen ist. 

Zwei Dürren in drei Jahren

Für Patterson ist das größte Problem aber ein anderes: die Finanzierung. Denn das Welternährungsprogramm, das seinen Sitz in Rom hat, hat nur einen sehr geringen Etat, es ist auf Spenden von Staaten, Unternehmen oder Privatpersonen angewiesen. 200 Millionen Dollar bräuchten Patterson und seine Mitarbeiter dringend, um wenigstens bis Ende des Jahres jene Menschen zu versorgen, die hungern.

Die Situation sei dramatisch, sagt er. "Wir haben bald keine Nahrungsmittelreserven im Land mehr. Wir geben die Lieferungen aus, die wir bekommen haben. Wir brauchen also Nachschub." Zudem stehe der Winter vor der Tür. Hinzu kommt eine Dürre - die zweite in drei Jahren. "Der Ertrag ist um 40 Prozent gesunken, die lokalen Pflanzen sind nicht gewachsen oder haben nicht getragen", erklärt Patterson.

Die Gelder müssten vor allem schnell fließen, damit das Welternährungsprogramm wieder einkaufen kann. Denn ansonsten werden die Nahrungsmittel schon Ende September, Anfang Oktober ausgehen, befürchtet Patterson.

Über dieses Thema berichtete B5 aktuell am 01. September 2021 um 19:20 Uhr.