Taliban-Kämpfer in Kabul | AP

Afghanistan UN warnen vor Racheaktionen der Taliban

Stand: 20.08.2021 19:39 Uhr

Die Taliban sind in Afghanistan einem UN-Bericht zufolge gezielt auf der Suche nach vermeintlichen Kollaborateuren und deren Familienmitgliedern. Laut Menschenrechtsaktivisten gibt es Berichte über Hinrichtungen.

Die Vereinten Nationen warnen vor Racheaktionen der Taliban in Afghanistan. Laut einem internen UN-Bericht suchen die Islamisten systematisch nach Gegnern und ihren Angehörigen, wie der britische Sender BBC meldet. In dem Bericht heißt es, dem größten Risiko seien Personen ausgesetzt, die wichtige Positionen im Militär, der Polizei oder anderen Ermittlungsbehörden eingenommen hatten.

Dem Bericht zufolge hatten die Islamisten bereits vor der Einnahme größerer Städte in Afghanistan Listen und Karten über den Aufenthalt von Personen erstellt, die sie festnehmen wollten. Seien diese nicht auffindbar, würden Familienmitglieder stattdessen in Gewahrsam genommen oder mit Festnahme und sogar dem Tod bedroht.

Engmaschige Suche an Checkpoints in Kabul

Weiter hieß es, die Taliban intensivierten das Sammeln von Informationen über ehemalige Regierungsmitarbeiter, indem sie Informanten rekrutierten sowie Händler und Moscheen kontaktierten. Der Fokus westlicher Nationen auf die Rückholung ihrer eigenen Staatsbürger werde ausgenutzt, um gezielt Afghanen ins Visier zu nehmen. Gewarnt wird vor einer zunehmend engmaschigen Suche an Checkpoints in Kabul. Dies könnte dazu führen, dass die Hauptstadt Kabul innerhalb der kommenden Tage komplett abgeriegelt und das Verlassen der Stadt deutlich schwieriger werde.

"Die Taliban suchen nach Schlüsselpersonen, die zum Flughafen gelangen wollen und haben Checkpoints an allen Hauptstraßen errichtet und um die wichtigen Städte herum, auch in Kabul und Dschalalabad, einschließlich der Autobahnen", heißt es in dem Bericht. Im schlimmsten Fall werde es zu öffentlichen Exekutionen kommen. Auch die Festnahme westlicher Staatsbürger und medizinischer Helfer sei nicht ausgeschlossen.

Berichte über Hinrichtungen

Der Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch (HRW) liegen nach eigenen Angaben Berichte über "standrechtliche Hinrichtungen" durch die Taliban vor. Bei den mutmaßlichen Opfern handele es sich um frühere afghanische Regierungsmitarbeiter und Sicherheitskräfte, sagte die Vizedirektorin für HRW in Asien, Patricia Gossman, in einer Online-Schalte mit Journalisten. Das Ausmaß sei noch unklar. Viele dieser Vorfälle fänden den Erkenntnissen zufolge außerhalb Kabuls in den afghanischen Provinzen statt.

Gleichzeitig werden einem lokalen Medienbericht zufolge mehrere Vertreter der bisherigen afghanischen Regierung vermisst. Verwandte sagten dem TV-Sender ToloNews, ihre Familienmitglieder seien verschwunden oder würden seit der Machtübernahme der Taliban vermutlich von den Islamisten festgehalten. Der bisherige Gouverneur sowie der bisherige Polizeichef der Provinz Laghman im Osten des Landes hätten sich den Taliban ergeben, befänden sich aber weiter in Gefangenschaft der Islamisten, hätten die Verwandten gesagt. Auch der Polizeichef von Gasni im Südosten des Landes sei unauffindbar.

Taliban hatten Amnestie angekündigt

Die Taliban hatten am Dienstag bei ihrer ersten Pressekonferenz seit der Machtübernahme eine umfassende Amnestie für alle Regierungsmitarbeiter und Armeeangehörige angekündigt. Sie hatten zudem versichert, dass sich ehemalige Ortskräfte der internationalen Streitkräfte nicht vor Angriffen fürchten müssten.

Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 20. August 2021 um 17:00 Uhr.