Mahmud Abbas  | AFP

Ärger über Palästinenserpräsident "Abbas interessiert uns nicht"

Stand: 18.08.2022 11:42 Uhr

Erneut hat es Zusammenstöße zwischen Palästinensern und israelischer Armee gegeben. Vor allem die Jüngeren fordern einen härteren Kurs gegen Israel - und kritisieren Palästinenserpräsident Abbas hart.

Von Bettina Meier, ARD-Studio Tel Aviv

Das Mittagsgebet schallt durch die verwinkelten Gassen der Altstadt von Nablus. Eine der größten und ältesten Städte im Westjordanland mit seiner 6000 Jahre alten Geschichte. Erst vergangene Woche war sie Schauplatz eines Einsatzes der israelischen Armee. Die tötete hier ein führendes Mitglied der Al-Aksa-Brigaden, dem militärischen Flügel der Fatah. Zwei weitere Palästinenser kamen ums Leben. Die Krankenhäuser von Nablus berichteten von 69 Verletzten. Das ganze Westjordanland kommt nicht zur Ruhe. Ein junger Mann lehnt neben einem Stand mit Nüssen und blickt in die Ferne. Er sagt:

Wir haben keine Hoffnung. Wir sterben hier. Ich bin 30 Jahre alt, habe nie gewählt und war nur einmal in Jerusalem. Da hat mich die israelische Armee nicht in die Altstadt gelassen. Israel will keinen Frieden. Es wird noch mehr Gewalt geben, weil wir uns wehren. Mahmud Abbas interessiert uns nicht. Er tut nichts gegen die israelische Armee. Weil ich nicht wählen kann, interessiert mich auch nicht, wer danach kommt. Wir Jungen müssen etwas verändern.
Bettina Meier ARD-Studio Tel Aviv

Unmut und Frust

Der Frust bei den jungen Palästinensern wächst - zum einen über die Untätigkeit von Palästinenserpräsident Mahmud Abbas, der sich nach dem Einsatz der israelischen Armee vergangene Woche ruhig verhielt. Zum anderen weil Abbas, der 87 Jahre alt ist, sich seit mehr als einem Jahrzehnt nicht mehr zur Wahl gestellt hat.

"Abbas… so viel Korruption! Die Politiker hier füllen sich die Taschen mit Geld. Abbas ist alt und hat nichts unter Kontrolle! Kein junger Mensch kann sich hier ein Leben aufbauen!", schimpft ein Händler nebenan, der Gewürze und Oliven anbietet.

"Schauen sie, es ist Mittag und es sind kaum Kunden da. Weil die Gewalt eskaliert. Ich verdiene 60 Prozent weniger. Viele nehmen Kredite auf, können sie nicht zurückzahlen und müssen ins Gefängnis."

Gouverneur: "Generation hat den Weg des Widerstandes gewählt"

Wenige Minuten von der Altstadt entfernt hat Ibrahim Ramadan, der Gouverneur von Nablus und führendes Mitglied der Fatah, seinen Sitz. Er gehört zur alten Garde, die unter Abbas groß geworden ist. Er verteidigt die Zurückhaltung der palästinensischen Autonomiebehörde:

Präsident Abbas wird nicht sagen, dass er Krieg will. Aber die jungen Leute sind viel gewaltbereiter. Das ist die Generation meines Sohnes und meines Enkels. Vielleicht habe ich versagt. Wir dachten es ist die Hippi-Generation, die mit Ohrringen und Armreifen herumrennt. Sie waren auch die treibende Kraft hinter den Aufständen in Jerusalem im vergangenen Jahr. Diese Generation hat den Weg des Widerstandes gewählt - auch mit Waffengewalt.

Ihm seien die Hände gebunden, sagt er. Über seinem Schreibtisch aus dunklem Holz hängen verblichene Bilder von Jassir Arafat und Mahmud Abbas, der ebenfalls bald der Vergangenheit angehören wird. Das Vakuum, dass der unpopulärer werdende Abbas erzeugt, nutzen andere Terrororganisationen wie der islamische Dschihad.

Israelischen Medienberichten zufolge sympathisieren Fatah-Anhänger und Mitglieder der Al-Aksa-Brigaden auch im Westjordanland und in Nablus mit anderen Terror-Organisationen.

Forderung nach neuer Regierung

Ein Kämpfer aus Nablus, der weder Namen noch Organisation preisgibt, sagt, er wünsche sich eine neue Einheitsregierung aus Hamas und Fatah und dass alle jungen Palästinenser zusammenhalten und gemeinsam kämpfen. Dafür sei seine Generation bereit zu sterben. "Nur wenige von uns haben F16-Gewehre. Wir können das nicht vergleichen, was die israelische Armee an Waffen aufbietet. Wir glauben an unser Recht hier zu sein und in Würde zu leben. Die Besatzung wird nicht mit Politik sondern mit dem Widerstand auf der Straße beendet werden", sagt er.

Auf dem Tisch vor ihm liegen leere Tränengas- und Blendgranaten und Munition herum. Der Raum hat sich mit jungen Männern gefüllt. Einige nicken. Auch sie glauben nicht, dass es bald ruhiger im Westjordanland wird.

Über dieses Thema berichtete Inforadio am 18. August 2022 um 11:32 Uhr.