Flasche mit Antibiotikum.

EU-Bericht Aus Unsicherheit Antibiotika gegeben

Stand: 18.11.2019 16:48 Uhr

Erstmals wurden Ärzte, Apotheker und Pfleger europaweit befragt, was sie über resistente Keime wissen und wie sie sich verhalten. Die Umfrage zeigt: Aus Unsicherheit geben viele Antibiotika.

Von Christian Baars und Oda Lambrecht, NDR

"Die Entscheidung, ein Antibiotikum zu geben, ist eine schwierige Entscheidung", sagt Ansgar Lohse. Er ist Klinikdirektor am Hamburger Uniklinikum UKE. "Wenn ich Antibiotika einsetze, will ich dem Patienten vor mir helfen, aber gleichzeitig schade ich gewissermaßen auch der Gemeinschaft, weil ich Antibiotikaresistenzen fördere durch jeden Einsatz von Antibiotika."

Denn es besteht immer das Risiko, dass einige Bakterien Abwehrmechanismen gegen das Medikament entwickeln und überleben. Diese resistenten Keime können sich dann ausbreiten. "Diesen Konflikt hat jeder Arzt vor jeder Antibiotikagabe," sagt Lohse.

Ansgar Lohse.
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Ein Antibiotikum zu geben, ist eine schwierige Entscheidung, sagt Ansgar Lohse.

Zu viel Antibiotika aus Unsicherheit

In Zweifelsfällen entscheiden sich Mediziner häufig dafür, die Medikamente zu verschreiben, auch wenn sie eigentlich glauben, dass es nicht nötig ist. Das ist eines der Ergebnisse der Umfrage, die die Europäische Behörde zur Kontrolle von Infektionskrankheiten (ECDC) in Auftrag gegeben hatte.

Mehr als 30 Prozent aller Ärzte gaben an, dass sie in der Woche vor der Befragung mindestens einmal ein Antibiotikum verschrieben haben, obwohl sie es lieber nicht getan hätten. Ein Problem ist, dass die Mediziner häufig nicht wissen, welche Erreger für eine Infektion verantwortlich sind. Sind es Viren oder Bakterien? Und welche genau?

Um die Ursache für die Erkrankung herauszufinden, sind Laboruntersuchungen nötig - und die dauern mindestens zwei bis drei Tage. Aber die Infektionen können sich sehr schnell verschlimmern. Deshalb geben Ärzte häufig lieber ein Antibiotikum, als zu riskieren, dass es dem Patienten in einigen Tagen deutlich schlechter geht. "Um Antibiotika gezielter einzusetzen, brauchen wir schnellere und bessere Diagnostik", sagt Lohse. "Es braucht zu lange, bis wir wissen, welcher Keim wirklich eine Entzündung hervorgerufen hat."

EU-Studie fordert zurückhaltenderen Einsatz von Antibiotika
tagesschau 15:00 Uhr, 18.11.2019, Oda Lambrecht/Christian Baars, NDR

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Langwierige Laboruntersuchungen

Insgesamt sinkt zwar der Einsatz in Deutschland und die Ärzte setzen im Vergleich zu den meisten anderen europäischen Ländern weniger Antibiotika ein, aber immer noch mehr als in Schweden, Estland und den Niederlanden. Der Präsident des Robert-Koch-Instituts, Lother Wieler weist auch auf Unterschiede innerhalb Deutschlands hin. Es gebe Bundesländer, in denen viel mehr Antibiotika als in anderen gegeben würden, trotz gleich guter Behandlung. "Das kann ja nur daran liegen, dass manchmal zu viel verschrieben wird," sagt Wieler.

Aus seiner Sicht werden noch immer zu häufig, virale Atemwegsinfektion mit Antibiotika behandelt. Und in Kliniken würden die Medikamente vor Operationen noch zu oft und zu lang gegeben, um die Patienten vor möglichen Infektionen zu schützen.

Bakterien auf einer Agarplatte.
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Um festzustellen, welche Keime eine Erkrankung verursacht haben, sind aufwändige Laboruntersuchungen nötig.

Mehr als 18.000 Umfrage-Teilnehmer

Die Unsicherheit bei der Diagnose und die Angst, dass sich der Gesundheitszustand eines Patienten verschlechtern könnte - das sind laut der aktuellen Umfrage des ECDC die Hauptgründe dafür, warum zu viele Antibiotika verschrieben werden. Einige Mediziner räumen aber auch ein, dass sie teils aus Zeitmangel oder auf Drängen der Patienten die Medikamente geben.

An der Umfrage nahmen insgesamt mehr als 18.000 Beschäftigte aus dem Gesundheitsbereich aus 30 europäischen Ländern teil. Sie mussten 43 Fragen beantworten - zu ihrem Wissen über Antibiotika und Resistenzen, aber auch dazu, wie gut sie sich informiert fühlen oder dazu, wie sie ihre eigene Verantwortung sehen und wie sie sich verhalten.

Die Studie kommt zu dem Schluss, dass das Wissen und das Bewusstsein über Antibiotikaresistenz bei Ärzten, Apothekern und Pflegekräften insgesamt hoch sei. So beantworteten beispielsweise 97 Prozent der Befragten richtig, dass Antibiotika nicht gegen Erkältungen und Grippe wirksam sind. Das ist deutlich höher als in der breiten Öffentlichkeit, von der nur etwas mehr als die Hälfte weiß, dass Antibiotika bei Erkältungen unwirksam sind.

Umfrage zeigt Wissenslücken

Die Umfrage verdeutlicht aber auch wichtige Wissenslücken. So stimmten etwa nur drei Viertel der Befragten der Aussage zu, dass jede mit Antibiotika behandelte Person einem erhöhten Risiko einer antibiotikaresistenten Infektion ausgesetzt ist. Insgesamt hat nur etwas mehr als die Hälfte aller Teilnehmer (58 Prozent) alle sieben Wissensfragen richtig beantwortet. Je nach Land und Beruf gab es erhebliche Unterschiede in der Bewertung. 

"Gesundheitsexperten spielen eine grundlegende Rolle bei der Bekämpfung der Antibiotikaresistenz", sagt Andrea Ammon, die Direktorin des ECDC. "Wir müssen sicherstellen, dass ihr Wissen über die Vorbeugung und das Auftreten dieser Bedrohung auf dem neuesten Stand ist, damit sie entsprechend handeln und ihre Patienten korrekt informieren können."

Mehr Anstrengungen nötig

Die Ergebnisse der Umfrage sollen nun dazu dienen, Maßnahmen für einen umsichtigen Einsatz von Antibiotika zu erarbeiten. "Die Umfrage zeigt zwar, dass das Gesamtwissen über Resistenzen gut ist, unterstreicht aber auch die Notwendigkeit, mehr Anstrengungen zu unternehmen, um das Wissen in die Praxis umzusetzen", sagt Vytenis Andriukaitis, EU-Kommissar für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit. "Als Arzt weiß ich, dass wir eine große Verantwortung haben, bei der Bekämpfung der Antibiotikaresistenz an vorderster Front zu stehen. Und wir sollten keine Mühe scheuen, unsere Kenntnisse und Praktiken ständig zu verbessern."

EU-Umfrage zu Antibiotika-Resistenzen
Lambrecht, Oda / Baars, Christian, NDR
18.11.2019 06:44 Uhr

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Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 18. November 2019 um 12:00 Uhr.

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