Nationalgardist vor dem Kapitol | AP

Bilanz der Amtszeit Trumps Amerika in der Identitätskrise

Stand: 19.01.2021 04:13 Uhr

In vier Jahren als US-Präsident hat Trump Gräben inmitten der Bevölkerung aufgerissen - und tiefes Misstrauen hinterlassen. Wie geht es zwei Seiten, die nicht mehr zueinander finden?

Von Claudia Sarre, ARD-Studio Washington

Kurz vor der Inauguration des neuen US-Präsidenten Joe Biden hängt eine düstere Wolke über der Stadt - und über dem ganzen Land. Die vergangenen vier Jahre unter Donald Trump haben den demokratisch eingestellten Amerikanern viel abverlangt.

Claudia Sarre ARD-Studio Washington

"Wir wollen Veränderung. Wir wollen Positivität. Und wir hoffen, dass wir beides mit dem nächsten Präsidenten und der Vizepräsidentin bekommen", sagt eine US-Amerikanerin, die sich als Chambray vorstellt.

Trump trat 2016 den Wahlkampf mit dem Versprechen an, Amerika wieder großartig zu machen. Wie geht es dem Land vier Jahre später? Besser gesagt: Wie geht es den beiden Amerikas?

Vertrauen in die Demokratie auf beiden Seiten erschüttert

Das Land ist mehr denn je zweigeteilt - in Trump-Wähler und Nicht-Trump-Wähler. Auch infolge der Corona-Pandemie und der desolaten Wirtschaftslage ist diese Spaltung dramatischer geworden, erklärt Peter Sparding vom German Marshall Fund in Washington. "Aus meiner Sicht hat sich Amerika verändert, indem es in einer tiefen Identitätskrise steckt - auf beiden Seiten", sagt er. "Auf der demokratischen Seite wurden viele Gewissheiten darüber verloren, was das Land darstellt, wie stabil die Regierungsfähigkeit ist."

Viele US-Amerikaner haben ihren Glauben an die Demokratie verloren, ihr Vertrauen in die politischen Institutionen. Verantwortlich dafür ist gar nicht mal die Politik, die Trump gemacht hat, sondern vor allem sein Regierungsstil: die Drohungen und Schmähungen auf Twitter, das Feuern von Ministern und Beratern im Weißen Haus, die Attacken auf die Medien - die Liste ist endlos.

Aber auch das andere politische Lager sei erschüttert, sagt Sparding. "Auf republikanischer Seite oder zumindest unter Anhängern des Präsidenten ist es ein ganz anderer Schock: Da wird ja noch teilweise geglaubt, dass die Wahl wirklich gestohlen wurde, und natürlich hat man dann die Vorstellung, dass man das Land verliert."

Das Lebensgefühl vieler: Angst, Unsicherheit, Fassungslosigkeit

Die Gräben sind unüberbrückbar. Auf der einen Seite sind die, die sich gegen Rassismus, Unterdrückung und soziale Ungerechtigkeit wehren. Auf der anderen Seite die, die Angst haben, dass sie als Weiße bald in der Minderheit sind. Die Spaltung in den USA verläuft durch Arm und Reich, Stadt und Land, Demokraten und Republikaner.

"Die tiefe Spaltung gibt es teilweise sogar innerhalb von Familien", sagt Sparding. In den vergangenen Jahren habe man beobachten können, dass Freundschaften über den politischen Standpunkt zerbrachen, dass Familien entzweigerissen wurden.

Diese Zerrissenheit zeigt sich auch im Lebensgefühl vieler Amerikaner, das vielfach bestimmt von Angst und Unsicherheit - und Fassungslosigkeit. "Ich glaube nicht, dass vor einigen Jahren viele Amerikaner damit gerechnet hätten, dass es mal eine Gruppe gibt, die das Kapitol stürmt", meint der Politikwissenschaftler.

So blickt die eine Hälfte des Landes hoffnungsvoll in die Zukunft - während die andere Hälfte es bedauert, dass Trump schon bald Geschichte ist. "Alle haben immer an Trump herumkritisiert, weil er zu viel getwittert oder sich schlecht benommen hat", meint Harriet, eine ältere Dame. "Aber er war ein guter Präsident!"

Über dieses Thema berichtete Inforadio am 18. Januar 2021 um 15:49 Uhr.