Die Überlebenden des rassistischen Massakers von Tulsa im US-Bundesstaat Oklahoma, Hughes Van Ellis Sr. (l) und Viola Fletcher. | dpa

Massaker von Tulsa Politik überschattet Gedenken

Stand: 01.06.2021 12:46 Uhr

Vor 100 Jahren tötete ein Mob weißer Männer in der US-Stadt Tulsa Hunderte Schwarze. Zur heutigen Gedenkfeier wird Präsident Biden erwartet - ein anderer Politiker ist hingegen nicht willkommen.

Von Katrin Brand, ARD-Studio Washington

Sonntagmorgen in Greenwood, Tulsa, Oklahoma. In der kleinen Kirche der African Methodist Episcopal Church sitzen dicht an dicht die Menschen, fast alle sind schwarz. Sie sind hier, um sich daran zu erinnern, dass vor 100 Jahren ihr Stadtteil von Tausenden weißen Männern niedergebrannt wurde, dass Hunderte Schwarze getötet und Tausende vertrieben wurden. Und dass auch diese Kirche fast ganz zerstört wurde.

Katrin Brand ARD-Studio Washington

Das Massaker von Greenwood ist ein Ereignis, für das niemand bestraft und niemand entschädigt wurde - und von dem viele Amerikaner bis heute nichts wissen.

"Guten Morgen, Gemeinde", ruft während des Gottesdienstes ein weißer Mann am Pult. Es ist Chris Coons, Senator aus Delaware, ein Demokrat. Coons beklagt die, wie er sagt, unaufgeklärte, nicht-verheilte Verletzung im Herzen von Tulsa und prangert all diejenigen an, die keine Aufklärung wollten. Solche Ereignisse nicht zu untersuchen, das bringe Zwietracht, nicht umgekehrt, sagt er unter dem Jubel der Gemeinde.

Schwarzer Rauch steigt während der Rassenunruhen am 01.06.1921 über Tulsa im US-Bundesstaat Oklahoma auf.  | dpa

Ein schwarzer Tag in der US-Geschichte: Rauch steigt am 1. Juni 1921 über Tulsa auf. Bild: dpa

Nicht jeder erkennt Missstände

Dass bei der Feier nur Politiker von den Demokraten sprechen, hat viele Gründe. Oklahoma ist ein tief republikanischer, tief konservativer Staat. Und die weiße Mehrheit im Land findet, dass Rassismus hier gar kein Thema ist. "Wir glauben, dass alle Menschen vor Gott gleich geschaffen sind", sagt Gouverneur Kevin Stitt, "und dass jeder, unabhängig von der Hautfarbe, auch vor dem Gesetz gleich sein sollte".

Jeder, der hart arbeitet, sagt Stitt im Gespräch, bekommt in Oklahoma seine Chance. Das klingt zynisch in den Ohren vieler Schwarzer. In Greenwood hatten hart arbeitende Afroamerikaner großen Wohlstand geschaffen, der von dem Mob geplündert und zerstört wurde.

Kontroverse über Geschichtsunterricht

Was in Greenwood außerdem nicht gut ankommt, ist das Gesetz, das der Gouverneur gerade unterzeichnet hat. Es soll Diskriminierung im Geschichtsunterricht verbieten. "Es besagt, dass wir Erstklässlern nicht mehr beibringen, dass sie wegen ihrer Hautfarbe Unterdrücker sind oder für etwas verantwortlich sind, was vor 100 Jahren geschehen ist", sagt Stitt.

Stitt stellt das Ganze als völlig harmlos dar, Studenten und Professoren aus dem liberalen Lager sind hingegen entsetzt. Das sei "white supremacy", weiße Vormacht vom Feinsten, sagt Quraysh Ali Lansana, Professor an der Uni von Tulsa. Es setze der Wahrheit historische Scheuklappen auf. Die ohnehin sehr schlecht bezahlten Lehrer in Oklahoma, befürchtet er, werden nun unter Druck gesetzt, kritischem Geschichtsunterricht aus dem Weg zu gehen. Eine Beschwerde der Eltern könnte sie den Job kosten.

Präsident Biden besucht Gedenkfeier

Gesetze gegen angeblich diskriminierenden Geschichtsunterricht gibt es auch in anderen Bundesstaaten. Ein solches Gesetz aber kurz vorm Gedenken an die Mordnacht von Greenwood zu unterzeichnen, empörte viele. Gouverneur Stitt wurde von der Feier ausgeladen. Präsident Biden hingegen ist heute mehr als willkommen. Er wird eine Rede halten und sich mit Überlebenden treffen. Viola Fletcher, die älteste von ihnen, ist 107 Jahre alt.

Über dieses Thema berichtete Inforadio am 01. Juni 2021 um 11:32 Uhr.

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Moderation 01.06.2021 • 20:00 Uhr

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