New Yorker Feuerwehrleute am 11.9.2001 auf dem Weg zu den rauchenden Trümmern der World Trade Center | dpa
Weltspiegel

Anschläge von New York "Werde ein guter Mensch"

Stand: 05.09.2021 04:54 Uhr

Brook Peters war fünf, als das World Trade Center einstürzte - und ein Fan der Feuerwehr. Feuerwehrleute schickten ihm Botschaften, bevor sie in die brennenden Türme gingen. Jahrelang hatte Brook Schuldgefühle - er bewältigte sie filmisch.

Von Christiane Meier, ARD-Studio New York

Die Erinnerung an den 11. September 2001 ist für Brook Peters noch immer gegenwärtig, sie hat sich tief in sein Gedächtnis gegraben, auch wenn er damals noch ein kleiner Junge war. Wenn er an die Spitze Manhattans komme, sagt er, fühle er den Druck in seinem Magen und die Leere unter seinen Füßen. "Dann erinnert man sich, was hier geschah - aber auch wie wir die Stadt wieder aufgebaut haben."

Christiane Meier ARD-Hauptstadtstudio

Brook war fünf Jahre alt und ein großer Fan der Feuerwehr. Die Feuerwache um die Ecke war sein zweites Zuhause, die Firefighter seine Helden und Ersatzväter. Es war Brooks zweiter Tag in der Vorschule, nur 500 Meter vom World Trade Center entfernt, als der Terror seine Welt für immer veränderte. Wenn Brook heute an seine Schule zurückkehrt, fällt ihm alles wieder ein.

Seine Mutter hatte ihn abgeholt und zur Feuerwehr gebracht, dort wähnte sie ihn sicher. Aber dann entschied sie sich doch, mit wegzulaufen. "Es war eine furchtbare Szene", erinnert er sich. "Es war eine Woge von Asche und Glas, die uns traf, als meine Mutter mich aus dem Feuerwehrauto holte und nach Norden rannte. Ich habe über ihre Schulter gesehen, wie die Türme zusammenfielen, wie Leute runter sprangen - alles vor meinen Augen."

In den Türmen begraben

Es war 9:59 Uhr am Morgen, als der Südturm einstürzte - eine halbe Stunde später auch der Nordturm. Mit ihm verschwanden auch elf seiner persönlichen Freunde von der Feuerwache 24.

Bevor die Männer in die Türme gehen mussten, hatten sie dem kleinen Brook in ihrer Verzweiflung Abschiedsnachrichten für ihre Familien hinterlassen. Aber der Fünfjährige bringt alles durcheinander und hat deshalb jahrelang Schuldgefühle. "Ich musste lernen, mit dieser Schuld umzugehen, mit diesen Gefühlen. Eine der letzten Nachrichten, die ich bekam lautete: Werde ein guter Mensch, kümmere Dich um Deine Mutter, aber vor allem werde ein guter Mensch. Seitdem versuche ich das."

Vor zehn Jahren, als Brook gerade 15 war, hat er einen Film über sich und seine Erlebnisse gedreht. Er hatte sieben Jahre Therapie hinter sich. Umgeben von so viel Tod und häufigen Beerdigungen, sagt er - das habe ihn gezwungen, früher reifer zu werden. Aber hinter der Kamera sei es wie hinter einem Schutzschild gewesen - "wenn man etwas sieht, was einen eigentlich zum Weinen bringt. Es ist ein Puffer und hilft damit, klar zu kommen."

Die brennenden Twin Towers von New York am 11.9.2001 | dpa

Dass die Twin Towers brannten, war am 11.9.2001 weithin zu sehen - am Fuße des WTC und in seiner Umgebung spielten sich kaum beschreibbare Dramen ab. Bild: dpa

Ein Film als Bewältigung

Wie allein er mit seinen Erfahrungen war, ist Brook erst später klar geworden. Seine Freundin Claire bewundert ihn für seinen preisgekrönten Film, aber für Brook war er überlebenswichtig, weil er die Perspektive eines Kindes zeigt. Denn über die betroffenen Kinder sei nie gesprochen worden. Sie seien regelrecht verschwiegen worden, sagt Brooks. "Diese Erfahrung zu teilen ist wie eine Erlösung." Die Arbeit an dem Film habe ihm gezeigt, dass er nicht allein war: "Obwohl ich so viele Vaterfiguren und Vorbilder verloren hatte, war das Trauma, das ich mit meinen Klassenkameraden erlebt hatte, nicht nur mein eigenes."

Mit ihrem Hund Lion leben Brook und Claire seit Beginn der Corona-Pandemie einen ziemlich zurückgezogenen Alltag. Filmemacher ist Brook nicht geworden, er hat stattdessen Philosophie studiert. Jetzt ist er schon länger auf Arbeitssuche. Etwas, womit er Menschen helfen könne, wäre ideal für ihn, glaubt er, sei es in der lokalen Regierung oder sei es für eine gemeinnützige Organisation. Er wolle etwas verändern.

Ein Mann trauert um seinen bei den Anschlägen vom 11.9.2001 gestorbenen Sohn | REUTERS

Der Schmerz bleibt - zumal bei Menschen, die Angehörige und Freunde in den einstürzenden Türmen verloren haben. Bild: REUTERS

Keine Wut und Zweifel an den Kriegen

Obwohl Brooks Leben so stark von den Terroranschlägen beeinflusst war, kennt er keine Wut. Er hat auch Zweifel an der damaligen Reaktion seines eigenen Landes. Der Krieg in Afghanistan - er wisse nicht, ob der ihm helfe, mit den Ereignissen abzuschließen. "Wir haben Billionen ausgegeben und Tausende Soldaten sind gestorben. Und noch viel mehr Menschen in Afghanistan und davor im Irak. Wir haben keine Problem gelöst. Ich glaube nicht, dass ich damit Frieden finde."

Die Furcht vor neuen Anschlägen hat Brook durch sein ganzes Leben begleitet, aber er lässt sich dadurch nicht einschüchtern. "Es geht vor allem um Widerstandsfähigkeit. Alle müssen über diesen Hügel. Sei es ein Berg oder ein Ameisenhügel. Das durchzustehen und konstruktiv zu nutzen, könnte die Welt zu einem besseren Ort machen."

Am Jahrestag der Anschläge will Brook seine alte Feuerwache besuchen. Um vielleicht doch Frieden zu finden. Für die Jüngeren ist der 11. September längst Geschichte, sie haben nur Folgen erlebt, die Kriege, die Antiterrorgesetze. Aber sie können lernen, dass New Yorker unverwüstlich sind.

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Über dieses Thema berichtete Das Erste im Weltspiegel am 05. September 2021 um 19:20 Uhr.