Schiffe liegen an Kais von New York City | New York Council Navy League

Anschläge auf die Twin Towers Die Boots-Helden vom 11. September

Stand: 11.09.2021 03:50 Uhr

In einer ungeplanten Aktion brachten Fähren eine halbe Million Menschen in Sicherheit, die vor den zusammenstürzenden Twin Towers flohen. Wer sind die Menschen hinter dieser Rettung - und wie konnte sie gelingen?

Von Antje Passenheim, ARD-Studio New York

Um 08:40 Uhr am 11. September 2001 besteigt Kapitän Peter Johansen die Fähre. Mit Hunderten Berufspendlern, die über den Hudson wollen - von New Jersey nach Manhattan. Normalerweise hätte Johansen selbst das Schiff auf die Skyline zugesteuert. Doch heute fährt er nur mit. Er hat ein Meeting mit der Küstenwache. Gleich neben dem World Trade Center. Der Himmel ist blau. Ein Geräusch gehört allerdings nicht dorthin. "Und ich schaue nach links und sehe plötzlich, wie das erste Flugzeug in den Nordturm fliegt." Johansen nimmt Funkkontakt mit seiner Zentrale auf: "Da gab es einen Navigationsunfall. Ein Flieger ist in einen Turm geflogen. Wir müssen alle Fähren dorthin bringen, um bei der Evakuierung zu helfen." Er weiß: Wann immer Downtown etwas passiert, ist der Landweg dicht. Es gibt nur einen Fluchtweg: über das Wasser. Das Schiff nimmt Kurs auf Pier 11.

Antje Passenheim ARD-Studio New York

Im Schatten des World Trade Centers sitzt Stefan Jekel in einem Seitflügel der New Yorker Börse. Der gebürtige Wiesbadener ahnt nicht, was gerade nebenan passiert. In den gut isolierten Büroräumen haben sie noch nicht einmal den Knall gehört. Er erinnert sich: "Auf einmal haben wir hier Papiere vorm Fenster runterflattern sehen. Wir haben noch an eine Wurfzettel-Aktion gedacht."

Stefan Jekel | privat

Stefan Jekel gelangte auf eines der Boote. Bild: privat

"Keiner wusste, was geschah"

Jessica DuLong wohnt in Brooklyn. Das Finanzviertel auf der anderen Seite des East River kann sie von hier aus sehen. DuLong war Chefingenieurin des Löschschiffs "John J. Harvey". Jetzt arbeitet sie nur noch selten auf dem pensionierten Schiff. DuLong ist auch Publizistin und Historikerin. Als an diesem Morgen ihr Telefon klingelt, sitzt sie am Computer. "Es ist schwer zu beschreiben, wie es sich anfühlte an diesem Tag", sagt sie heute. "Keiner wusste, was geschah. Je näher du dem Horror warst, umso weniger wusstest du. Die Leute, die das im Fernsehen sahen, bekamen ein besseres Bild."

Kapitän Johansen beobachtet, wie sich die Fähre leert. Noch denken die Menschen, das wird ein normaler Bürotag. Da steuert um 09:03 eine United-Airlines-Maschine auf den zweiten Turm zu. Johansen ist klar: "Das hier war kein Navigationsfehler. Das war ein Angriff." Alarm an der Wallstreet. Die Türme spucken Tausende Menschen auf die Straße. Jedes Büroteam steuert seinen Sammelpunkt an. Börsenmann Jekel macht sich auf den Weg zum Battery Park, an der Kaimauer im Süden.

Auf der "Henry Hudson" nähert sich Kapitän Rick Thornton von New Jersey. Ungläubig starren die Passagiere auf die rauchenden Zwillingstürme. "Als wir näherkamen, sahen wir Menschen springen. Erst dachten wir: Sie werfen Möbel aus den Fenstern, um sie zu zertrümmern und den Rauch rauszulassen." Thornton überlegt nicht lange. Er leert die Fähre am nächsten Pier und dreht ab - zur Südspitze. "Da waren Tausende von flüchtenden Menschen, die nicht wussten, wohin. Viele sprangen einfach ins Wasser. Andere wurden an die Reling gedrückt, wie bei einem Rockkonzert. Alles schob von hinten. Sie konnten nirgends hin. Sie blickten aufs Wasser und hofften auf Rettung."

Rick Thornton | Stephanie Ott

Kapitän Thornton: "Als wir näherkamen, sahen wir Menschen springen." Bild: Stephanie Ott

"Alle verfügbaren Boote!"

In Washington wird der Chef der US-Küstenwache aus einer Besprechung geholt. Noch während Admiral James Loy mit New York telefoniert, schlägt in Arlington ein Flugzeug ins Pentagon. Loy spürt die Erschütterung bis nach Washington. Dort kann die Küstenwache wenig ausrichten. Anders als auf der Insel Manhattan. Loy befielt einen Notruf: "Alle verfügbaren Boote!" Sie sollen kommen, um die Menschen von der Südspitze Manhattans zu retten. Da sind Hunderte schon auf eigene Faust im Einsatz: Fähren, Wassertaxis, Yachten, Fischerboote. Keiner koordiniert sie. Alle fahren auf Sicht und nach Verstand. "Keiner hat die Gefahr gescheut", sagt Loy. "Bomben konnten hochgehen. Schiffe konnten kollidieren. Wir wussten ja nicht, was noch kommen würde."

Auch die John J. Harvey wird aus dem Ruhestand geholt. Jessica DuLong wird später mitfahren. Vorher hat sie eine ganz andere Rolle übernommen: Sie wird zur Chronistin einer Geschichte, die in den Erzählungen über den 11. September so verblüffend übersehen werde. "Es ist so unglaublich", sagt sie. "Da ist eine halbe Million Menschen in neun Stunden per Boot in Sicherheit gebracht worden - in einer völlig ungeplanten Aktion."

Kapitän Thornton sieht, wie immer mehr Menschen über die Reling klettern, um auf die Fähre zu springen. Sie kann 400 Leute fassen. "Doch da gab es immer noch Tausende, die mitwollten." Er ist überwältigt von ihrer Rücksicht. "Da war diese blinde Frau mit ihrem Schäferhund. Sie wurde an die Reling gedrückt und wusste gar nicht, wie ihr geschah. Dann kamen vier Geschäftsleute und trugen sie über den Köpfen der Menschen hinweg auf die Fähre. Und ihren Hund hinterher."

Keine Panik, keine Hysterie

Kapitän Johansens Fähre verlässt Pier 11. Der Kapitän ist an Land bei den Wartenden geblieben. "Ich musste verhindern, dass die Boote überladen wurden. Ich hielt die Leute zurück. Wenn ein Boot kam, ließ ich sie rauf." Die Leute machen mit. "Keiner drängelte sich über die Linie. Sie waren alle so froh, von dort wegzukommen." Und der Kapitän denkt: "Es war die beste Seite der Menschen in dieser Katastrophe."

Keine Panik. Keine Hysterie. Es ist für Stefan Jekel die Ruhe, die alles so gespenstisch macht. Alle sind stumm. Auch als der Südturm in sich zusammenfällt. Langsam drückt sich die graue Wolke zum Wasser hin. Das Gift kriecht. Das Atmen fällt schwer. Jekel hat seine Sporttasche dabei. "Ich habe noch T-Shirts verteilt, damit die Leute sie sich vors Gesicht halten konnten. Kurz darauf kann er aufs Boot. "Vom Wasser aus sahen wir das Bild kompletter. Aber keiner konnte es verarbeiten." Jekel kommt in New Jersey bei Verwandten unter. Erst drei Tage später kann er nach Manhattan zurück. Dass er Teil der größten maritimen Rettungsaktion der USA war, ist ihm lange nicht bewusst.

Jessica DuLong | Miriam Braun

Jessica DuLong hat die Rettungsgeschichte in einem Buch verewigt. Bild: Miriam Braun

Eine weitgehend unerzählte Geschichte

"Boatlift 9/11" bleibt eine weitgehend unerzählte Geschichte. Kein US-Präsident hat bis heute ihre Helden geehrt. Jessica DuLong hat sie 20 Jahre danach in einem Buch verewigt. "Dass wir so wenig darüber reden, ist ein großes Versäumnis", sagt sie. "Denn solche Geschichten können uns helfen und zeigen, was möglich ist, wenn wir die Menschlichkeit erkennen, die uns gemein ist. Vielleicht wären wir heute ein anderes Land, wenn wir unsere gegenseitige Abhängigkeit erkennen würden."

"Wir taten bloß, was wir tun mussten." Als Kapitän Thornton das sagt, ertönt ein Horn hinter ihm. Es ist die "Henry Hudson". Immer, wenn ihre Kapitäne ihn sehen, grüßen sie den Kapitän, der diese Fähre durch den Rauch von 9/11 gesteuert hat. Manchmal sprechen ihn auch Passagiere an. "Du bist der Kapitän, der mich mit seinem Schiff gerettet hat." Er muss schlucken, während er das erzählt. "Das kommt dann immer so unvermittelt. Du siehst sie Jahre später. Und sie machen dir klar: Es war es alles wert."