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US-Republikaner vor den Midterms Das Trump-Dilemma der Moderaten

Stand: 02.11.2022 06:39 Uhr

Nicht alle bei den Republikanern sind Trump-Fans, auch wenn es häufig so wirkt. Viele wünschen sich schlicht einen konservativen Kurs. Doch am Ende geht es darum, gewählt zu werden. Was wiegt da mehr?

Von Jan Koch, ARD-Studio Washington

Sie sind auf der Suche. Die Republikaner Dennis Berwyn und Parteifreund Whitney Hill machen Häuserwahlkampf. "Wo geht es zuerst hin? Gib mir mal eine Adresse, Whitney!" Berwyn will Wähler gewinnen, ja, begeistern für die Republikanische Partei. Auf dem Fahrersitz wartet er darauf, dass Hill in seiner Adressliste die erste Straße und Hausnummer findet, die sie ansteuern.

Jan Koch

Die beiden Männer fahren in Berwyns SUV durch herbstliche Alleen, gelb-rote Laubkronen, typische US-Vorstadtidylle. Sie touren durch ein Viertel Raleighs, einer Großstadt im Norden von North Carolina. Knapp zwei Millionen Menschen wohnen in der Region. Bei den US-Zwischenwahlen geht es um den US-Kongress, viele Regionen in den USA bestimmen aber auch neue Landes- und Lokalvertreter.

Hill ist einer von ihnen, er bewirbt sich um einen Platz im Stadtrat. Berwyn kandidiert nicht. Doch der 62 Jahre alte Republikaner macht schon seit Jahrzehnten Wahlkampf für die "Grand Old Party".

Sachthemen, nicht Trump

Sie halten an, steigen aus dem Wagen. Flyer in der einen Hand, Adressen in der anderen. Um sie herum mittelgroße blaue oder graue Einfamilienhäuser. Holzbalken. Daneben Garage und Einfahrt. Der Traum vieler US-amerikanischer Familien: das Eigenheim. Nach einigen Momenten treffen sie auf eine potenzielle Wählerin. Jetzt heißt es: beweisen, dass die Republikaner es wert sind, gewählt zu werden. Und nicht nur Unentschlossene überzeugen, sondern auch ihre eigene, sichere Wählerschaft an die Urne bringen.

Es geht um Sachthemen, nicht um Trump. Wohnen, Immobilienpreise, Steuern. Und Freiheit. Dinge, über die auch der Republikaner Berwyn mehr reden will. Er gehöre nicht zu den Radikalen, die häufig den Ton in der Partei angeben - er will über Themen reden, die die Menschen bewegen.

"Gehen Sie wählen?", fragt er einen jungen Familienvater, der ihnen die Tür geöffnet hat. "Ja", entgegnet dieser. "Was sind ihre Themen?", will Berwyn wissen. Wie sicher er hier eigentlich sei, sagt der Mann. Raleigh hat erst vor wenigen Wochen einen Amoklauf erlebt. "Wir müssen mehr in unsere Polizei investieren", sagt der Mann.

Er stellt sich auch als republikanischer Wähler heraus. Berwyn, sein Parteikollege Hill und er sprechen über die Nachbarschaft. Gelder, die in Sicherheit, aber auch Bildung investiert werden sollten. Aber eben auch darüber, dass der Staat den nötigen Freiraum erhalten soll - und wie unzufrieden sie mit der aktuellen Regierung sind.

Die Geschichte von der gestohlenen Wahl wirkt

Vom Häuserwahlkampf geht es direkt weiter: Sie wollen Überzeugungsarbeit in letzter Minute leisten - am Wahllokal, wo Wählerinnen und Wähler ihre Stimme auch schon vor dem Wahltag abgeben können. Beim so genannten Early Voting.

Berwyn will hier noch mit potenziellen Wählern ins Gespräch kommen. Vor einem roten Pavillon haben sich die republikanischen Kandidaten und Wahlkämpfer aufgebaut. Wenige Meter weiter, entlang des Schilderwaldes aus Wahlplakaten, die sich rechts und links entlang des Weges zum Wahllokal reihen - mit all den Namen der Senatoren, Regional- und Lokalkandidaten - tut sich auch ein blauer Pavillon auf: der der Demokraten.

Berwyn kommt nur selten in ein wirkliches Gespräch. Die meisten hier wissen wohl, wem sie die Stimme geben. Und über Trump redet hier bisher auch niemand. Wie steht Berwyn zu Trump, dem Mann, der die Partei weiter fest im Griff hat und dem vor allem Rechtsaußen-Republikaner zujubeln? Die wie Trump immer und immer wieder erzählen, die Präsidentschaftswahl 2020 sei gestohlen worden.

Für diese Verschwörungsgeschichte gibt es bis heute keine Beweise. Doch die republikanische Partei und ein Großteil der Kandidierenden bei der Zwischenwahlen tragen die Geschichte der gestohlenen Wahl trotzdem weiter.

Was zählt, ist der Wahlsieg

Berwyn nicht: "Ich bin keiner von denen, die das tun. Aber es gibt einige in meiner Partei, die das glauben." Und dann relativiert er doch ein wenig: "So Tricksereien gab es schon immer und wird es auch immer geben." Aber die Integrität von Wahlen sei so hoch wie nie, betont er. Eine Aussage, der sich viele Republikaner nicht anschließen würden. Als "Trumpist" hat man in der Republikanischen Partei im Moment höhere Karrierechancen.

Am Ende ist Berwyn allerdings wie den meisten Republikanern nur eins wichtig: dass die Republikaner zurück an die Macht kommen. Nicht nur im US-Kongress, auch im Weißen Haus. Und was den Kongress angeht, sehen einige aktuelle Umfragen US-amerikanischer Medienhäuser die Republikaner knapp vorne, so, dass sie beide Häuser, das Repräsentantenhaus und den Senat gewinnen könnten.

Eine Umfrage der "New York Times" aus diesem Monat kommt zum Ergebnis, dass gut 71 Prozent der befragten Republikaner kein Problem damit hätten, einen Kandidierenden zu wählen, der die Geschichte der gestohlen Wahl mitträgt. Das gilt auch für 37 Prozent der unabhängigen Wählerschaft und bemerkenswerte zwölf Prozent der demokratischen, wie die "New York Times" schreibt.

Republikaner fühlen sich oft unfair dargestellt

Der Wahlkampftag ist zu Ende, am Abend lädt Berwyn zum Stammtisch, den er "Pints & Politics" nennt. Bei Bier und Grillteller soll Politik diskutiert werden. Und die Runde in dem Raleigher Lokal ist bunt: Kandidaten, Familienväter, Mütter, Großeltern, Migranten, jung und alt.

Was sie vereint, ist eine konservative Haltung und die Meinung, Joe Biden sei kein haltbarer Präsident, die Medien seien nicht objektiv und manipulativ. Ob moderat oder rechts-außen, Republikaner fühlen sich nicht selten unfair oder falsch dargestellt.

Bei gesellschaftlichen Themen tun die Republikaner sich jedoch oft schwer, ihren Lieblingsbegriff Freiheit auch für andere gelten zu lassen. "Stimmen wir mal ab", sagt Berwyn in die Runde. "Wer glaubt, dass es mehr als zwei Geschlechter gibt?" Niemand der Anwesenden hebt die Hand. Im Nachhinein erklärt Berwyn auf Nachfrage, dass jeder jeden lieben dürfe, jeder sich sehen könne, als was er oder sie möchte. Dass dies doch aber nicht Gesetz werden und von jedem in der Gesellschaft gutgeheißen werden müsse:

Ich möchte niemanden beleidigen, aber wenn du schwarze Kirschen magst und ich keine schwarzen Kirschen mag, dann akzeptiere das und sag' mir nicht, dass ich ein Vollidot bin, wenn ich keine schwarze Kirschen mag.

Gespaltene Gesellschaft

Da ist sie, die Spaltung der Gesellschaft - die eine Seite, die sich von Demokraten bevormundet fühlt, abgestempelt sieht. "Wir wollen den Demokraten die Hand reichen", ruft einer der teilnehmenden Stammtischler in die Runde.

Und doch, heißt es dann, seien Demokraten Globalisten, die den Untergang der USA begünstigen. In dieser Runde findet sich vieles wieder. Ein großes Bedürfnis nach Einigkeit, Sicherheit und Ruhe im Land - und der Zwist, die Spaltung zwischen links und rechts.

Ein Versöhner dieser Lager ist auch in der Republikanischen Partei gar nicht so einfach zu finden, wenn es um die Präsidentschaftskandidatur 2024 geht: "Ich möchte jemanden, der die republikanischen Prinzipien vertritt", sagt Berwyn.

Ich möchte jemanden, der mit dem amerikanischen Volk klar kommunizieren kann. Jemanden, der die Amerikaner ermutigen kann, stolz auf sich und dieses Land zu sein. Denn wir haben wirklich, wirklich viel, worauf wir stolz sein können.

Und schließlich wird klar: Moderate Einstellungen werden solange hochgehalten, bis es an die Präsidentschaftswahl 2024 geht. Sollte da Trump wieder auf dem Wahlzettel neben einem Demokraten stehen, bekäme er Berwyns Stimme noch einmal.

Über dieses Thema berichtete das ARD-Mittagsmagazin im Ersten am 01. November 2022 ab 13:00 Uhr.