Wally Funk ist die bisher älteste Person, die ins All fliegen wird. | REUTERS

Raumflug mit Jeff Bezos Die späte Genugtuung der Wally Funk

Stand: 20.07.2021 07:14 Uhr

Viermal bewarb sie sich bei der NASA - viermal wurde sie abgelehnt. Trotz bester Testergebnisse durfte die US-Pilotin Funk nie Astronautin werden. Doch heute bricht die 82-jährige mit Amazon-Gründer Bezos ins All auf.

Von Franziska Hoppen, ARD-Studio Washington

Es ist der 1. Juli 2021: Wally Funk kann ihr Glück kaum fassen. Im Wohnzimmer der 82-Jährigen steht niemand Geringeres als Milliardär und Amazon-Gründer Jeff Bezos. Doch der ist Nebensache. Viel wichtiger ist der drahtigen Frau mit raspelkurzem weißem Haar, was er gerade verkündet hat. Funk darf mit ihm in seiner "New Shepard"-Rakete ins All fliegen. "Das ist das beste, das mir jemals passiert ist", ruft Funk und umschlingt Bezos in einer gigantischen Umarmung.

Franziska Hoppen ARD-Studio Washington

Funk wird nicht nur die bisher älteste Person sein, die ins All fliegen wird - niemand hat länger auf diesen Moment gewartet. Schon mit 21 Jahren, 1961, beschloss sie, Astronautin zu werden - damals ein irrwitziger Gedanke. Die Frauenbewegung steckte in ihren Kinderschuhen. Nicht einmal ein Viertel der amerikanischen Frauen arbeitete überhaupt. Von Gleichberechtigung konnte keine Rede sein. Funk war das egal. Sie qualifizierte sich für ein Programm, das herausfinden sollte, ob Frauen dieselben Strapazen wie Männer im All aushalten können.

Mark Bezos (l-r), Bruder von Jeff Bezos, Milliardär Jeff Bezos, Gründer von Amazon und des Weltraumtourismus-Unternehmens Blue Origin, Oliver Daemen, aus den Niederlanden und Wally Funk, Luftfahrtpionierin aus Texas.  | dpa

Mark Bezos (l-r), Milliardär Jeff Bezos, Gründer von Amazon und des Weltraumtourismus-Unternehmens Blue Origin, Oliver Daemen, aus den Niederlanden und Wally Funk, Luftfahrtpionierin aus Texas. Bild: dpa

Fliegen war Männersache

Für einen dieser Tests musste sie in einen dunklen Wassertank kriechen, wie sie dem Fernsehsender C-Span erklärte. "Alle Sinne wurden dir darin genommen", sagte Funk. "Aber du musstest so lange liegenbleiben wie möglich. Ich brach den Rekord von mehr als zehn Stunden."

Das Ergebnis dürften die Wissenschaftler so nicht erwartet haben. John Glenn, der erste Amerikaner, der ein Jahr später die Erde im Raumschiff umkreiste, musste gerade einmal ein Drittel der Zeit durchhalten. Frauen, das zeigten die vielen Tests, waren als Astronauten genauso qualifiziert wie Männer. Trotzdem ließ die NASA nicht mit sich verhandeln. Fliegen war Männersache - so erklärte es Glenn selbst bei einer Anhörung im Kongress 1962. Keine der Frauen des Programms flog also jemals ins All. Und das nur, weil sie Frauen waren.

"Wir hätten es schaffen können", sagte Funk. "Wenn sie uns nur gelassen hätten. Ein Hund hat es geschafft, ein Affe hat es geschafft. Männer haben es geschafft. Frauen können das auch." Doch es sollte 20 weitere Jahre dauern, bis NASA die erste Frau fliegen ließ. 

Funk bastelte sich eigenen G-Suit

In der Zwischenzeit trainierte Funk verbissen weiter - etwa bei einem Zentrifugentest. Anwärter werden auf einen Stuhl geschnallt und immer schneller im Kreis geschleudert, um den Start einer Rakete vorzutäuschen. Doch anders als die Männer bekam Funk dafür keinen sogenannten G-Suit gestellt, eine Art Stütz-Anzug, der bei der Blut-Zirkulation hilft.

Funk musste sich ihren Anzug selbst basteln. "Ich rief meine Mutter an, erzählt Funk. "Mum, ich brauche dein fiesestes Korsett und deinen Hüfthalter". Mit ihrem selbstgebauten Anzug bestand Funk - die privat Sportlerin ist - den Test mit Bravour. Viermal bewarb sie sich bei der NASA. Viermal wurde sie abgelehnt. Ihr fehle ein Ingenieurstudium, hieß es als Begründung. Irgendwann war sie der Weltraumorganisation zu alt.

Weil das Fliegen aber ihre Leidenschaft blieb, wurde Funk stattdessen Pilotin. Heute besitzt sie Flugscheine für alles, was ein Mensch nur fliegen kann. Bloß eben nicht für ein Raumschiff. Insgesamt verbrachte sie fast 20.000 Stunden ihres Lebens in der Luft, brachte mehr als 3000 Menschen das Fliegen bei. Nun, mit 82, geht endlich ihr größter Traum in Erfüllung und eine kleine Genugtuung: Niemand im Team hat so viel Ahnung vom Fliegen wie sie. 

Über dieses Thema berichtete Inforadio am 20. Juli 2021 um 06:50 Uhr.