Rafael Grossi spricht per Videoschalte zum UN-.Sicherheitsrat. | REUTERS

Atomanlage Saporischschja "Dies ist eine ernste Stunde"

Stand: 12.08.2022 04:22 Uhr

Der UN-Sicherheitsrat hat sich in einer Dringlichkeitssitzung mit der Lage am ukrainischen AKW Saporischschja befasst. Der Chef der Internationalen Atomenergieagentur forderte ein Ende der Kämpfe und Zugang zur Anlage.

Von Anne Schneider, ARD-Studio New York

Was der ukrainische UN-Botschafter Sergej Kislitsa in Worte fasste, hatten in der Krisensitzung des UN-Sicherheitsrats wahrscheinlich viele gedacht. "Vor einem halben Jahr konnte man sich kaum vorstellen, dass die größte Atomanlage Europas durch eine militärische Attacke eingenommen wird und vollgestopft mit Soldaten und Waffen", sagte Kislitsa.

IAEA-Chef fordert Zugang zu Saporischschja

Die Situation, die Rafael Grossi, Chef der Internationalen Atomenergieagentur (IAEA), rund um das Atomkraftwerk Saporischschja in der Sitzung beschrieb, ist auch extrem kritisch. Nach mehrfachem Beschuss sei schon ein Reaktor abgestellt worden, erklärte er. "Dies ist eine ernste Stunde, eine Grabesstunde. Die IAEA muss die Erlaubnis erhalten, ihre Mission in Saporischschja so schnell wie möglich durchzuführen." Die Anlagen dort sollen untersucht und wichtige Sicherheitsmaßnahmen durchgeführt werden.

Die Atombehörde ist neutral - sie ist aktuell sowohl mit russischen als auch mit ukrainischen Beamten in Kontakt. Laut den Informationen, die so gesammelt werden konnten, konnte Grossi erst einmal vorsichtig beruhigen: Es gäbe zwar Schäden an dem Atomkraftwerk, die Strahlenmessungen seien aber auf einem normalen Niveau. Dies alles könne sich jedoch jeden Moment ändern. Deshalb forderte er in der Sondersitzung: "Jede Militäraktion, die die nukleare Sicherheit gefährdet, muss sofort gestoppt werden."

Ukraine und Russland werfen sich Angriffe vor

Die Sicherheitsratssitzung hatte Russland einberufen. Allerdings wird dem Land unter anderem von den USA vorgeworfen, die Anlage in Saporischschja als eine Art Schutzschild zu benutzen. Von dem Gelände würden ukrainische Stellungen angegriffen. Bonnie Jenkins, US-Unterstaatssekretärin für Rüstungskontrolle wurde deutlich. "Russland streut fortwährend Falschmeldungen, um von der Realität abzulenken und behauptet jetzt, dass die Ukraine für die Situation an dem AKW verantwortlich ist", sagte sie. "Das verdreht völlig die Tatsachen - nämlich, dass Russland illegal auf der Anlage ist."

Die Ukraine wirft Russland außerdem vor, das AKW direkt ins Visier zu nehmen. Ein Vorwurf, den der russische UN-Botschafter Vasily Nebensija als absurd bezeichnete. "Das sind Propagandaattacken der westlichen Presse. Es widerspricht doch schon dem gesunden Menschenverstand, denn diese Atomkraftwerke werden ja von der russischen Armee kontrolliert", sagte Nebensija.

 

Grossi: "Dürfen keine nukleare Katastrophe zulassen"

Diese Kontrolle macht eine Inspektion durch die Atomenergieagentur besonders kompliziert. Und so ist die Frage, über welchen Weg die Fachleute gegebenenfalls zu dem Atomkraftwerk gelangen, hochpolitisch. Wenn die Anreise über Russland und russisch besetztes Gebiet erfolgte, würde das wie eine Anerkennung der russischen Besatzung wirken, hieß es aus diplomatische Kreisen bei den UN.

Auf der anderen Seite wäre die Inspektion durch die Atomenergiebehörde ein riesengroßer Schritt: Denn dafür müssten die Waffen rund um das Atomkraftwerk erst einmal schweigen.

Grossi appellierte an beide Seiten: "Wir dürfen keine nukleare Katastrophe zulassen. Deshalb muss das Ziel über allem sein, sie zu verhindern. Und dafür müssen wir alle zusammenarbeiten. Das ist unsere Pflicht. Das ist unsere gemeinsame Verantwortung."

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 12. August 2022 um 09:00 Uhr.