Demonstranten halten Plakate und Regenschirme, während sie an einem Protestmarsch 2019 in Hongkong teilnehmen. | dpa

Studie über Massenmobilisierung Protest wird professioneller

Stand: 21.01.2022 08:55 Uhr

Eine Studie aus New York analysiert Massenproteste weltweit. Sie zeigt: Aktionen werden immer besser organisiert und sind dann auch erfolgreicher und weniger gewalttätig. Möglich macht das Social Media.

Von Peter Mücke, ARD-Studio New York

Privat löst David Clark gerne Rätsel. Insofern hat der Politik-Professor an der Binghamton University im US-Bundesstaat New York sein Hobby zum Beruf gemacht. Seit gut acht Jahren versucht er nämlich, das Rätsel von Massenprotesten zu lösen.

Peter Mücke ARD-Studio New York

Was fordern Demonstranten? Was bringt sie auf die Straße? Was löst Proteste aus? Und wie reagieren Regierungen darauf? Wann machen Regierungen Zugeständnisse? Und wann reagieren sie mit Gewalt oder verhaften Demonstranten?

Skurrile Aktionen und Millionenproteste

Um diese Fragen zu beantworten, sammeln er und seine Mitarbeiter eine Unmenge von Daten. Registriert werden Proteste seit 1990, an denen mehr als 50 Menschen beteiligt waren. Rund 16.500 Demos in 162 Ländern.

Darunter eher skurrile Aktionen, wie die Demonstration nackter Fahrradfahrer in der peruanischen Hauptstadt Lima. Aber auch Millionenproteste wie in Hongkong. Doch was haben diese doch sehr unterschiedlichen Massenmobilisierungen gemeinsam?

"Höherer Organisationsgrad"

"Die Proteste haben einen höheren Organisationsgrad bekommen in den vergangenen zehn Jahren", sagt Clark. Das habe mit Social Media zu tun und ermögliche auch die Organisation dezentraler Proteste. "Zurzeit wird auch in den Medien viel über solche führungslosen, dezentralen Proteste diskutiert."

Eine weitere Erkenntnis der Studie: Proteste, die eine Organisationsstruktur haben - und sei es nur eine informelle - sind tendenziell erfolgreicher und weniger gewalttätig.

Bilder können sich schnell verbreiten

"Die Organisatoren haben bestimmte Ziele. Nicht immer, aber oft verhindert Gewalt, dass diese Ziele erreicht werden", so Clark. Deshalb versuchten die Organisatoren, Gewalt zu unterbinden. Wenn Demonstranten friedlich seien, werde es auch schwieriger für die Sicherheitskräfte, Gewalt zu rechtfertigen. Wenn die Demonstranten Steine schmeißen, dann sei es leichter, Wasserwerfer aufzufahren oder sogar in die Menge zu schießen.

Im Internet-Zeitalter kann das aber auch zum Boomerang für Regierungen werden. Denn die Organisatoren von Protesten können Bilder von gewalttätigen Übergriffen schnell weltweit verbreiten.

Möglichkeiten, Protest zu unterbinden

Auf der anderen Seite biete die moderne Technik autoritären Regimen auch viele Möglichkeiten, Demonstrationen zu unterbinden, sagt Clark: "Das sehen wir häufig. Etwa im Iran. Dort werden die Anführer von Protesten mit moderner Technik aufgespürt oder das Internet einfach abgeschaltet, um die Organisation zu verhindern."

Als weiteres Beispiel nennt er Libyen. "In der Spätphase des Gaddafi-Regimes wurden auf jedes Handy in Libyen Nachrichten versendet: Geh zurück zur Arbeit, geh nicht das Risiko ein, auf die Straße zu gehen."

Häufiger Absetzung von Regierungen gefordert

In den vergangenen sieben Jahren hat Clarke zudem einen Trend zu Protesten beobachtet, die die Absetzung von Regierungen fordern.

"Das hat - zum Teil jedenfalls - damit zu tun, dass es immer mehr populistische Bewegungen gibt", sagt Clark. "Denn sie bezeichnen politisch Verantwortliche häufig als korrupt oder nur aufgrund eines Betrugs im Amt und verlangen deren Absetzung."

Projekt beschränkt sich auf Demos außerhalb der USA

Das erinnert an den Sturm aufs Kapitol in Washington vor einem Jahr. In der Datensammlung des Mass Mobilisation Projects taucht dieser Umsturzversuch jedoch gar nicht auf. Denn das Projekt beschränkt sich auf Proteste außerhalb der USA.

Das dürfte auch damit zusammenhängen, dass es von der "Political Instability Task Force" gefördert wird, einer vom US-Auslandsgeheimdienst CIA finanzierten Forschungsgruppe, die sich für die Ursachen von Staatsversagen interessiert. Aber natürlich nur außerhalb der USA.

Über dieses Thema berichtete NDR Info am 21. Januar 2022 um 10:35 Uhr.