Ein Journalist macht ein Handyfoto vom Bildschirm, auf dem Scholz' CNN-Interview übertragen wird. | dpa
Analyse

US-Blick auf Scholz-Besuch Markenzeichen: Gedämpfte Stimme

Stand: 08.02.2022 13:34 Uhr

Demonstrative Nähe zu Biden, ein Interview auf Englisch: Kanzler Scholz mühte sich in Washington, der US-Kritik an ihm entgegenzuwirken. Doch Medien und Abgeordnete monieren eine entscheidende Unschärfe.

Von Katrin Brand, ARD-Studio Washington

Ein flackerndes Kaminfeuer und ein Gastgeber, der "Willkommen, Willkommen, Willkommen!" rief - ganz so, als sei dies der Auftakt zu einem gemütlichen Herrenabend. Dabei hatten US-Präsident Joe Biden und Bundeskanzler Olaf Scholz bei dessen Antrittsbesuch nur schwierige Dinge zu besprechen.

Katrin Brand ARD-Studio Washington

In einer Sache war Biden glasklar. Sollte Russland Truppen und Panzer über die ukrainische Grenze schicken, ist Nord Stream 2 Geschichte. Das verspreche er. Und der deutsche Kanzler? Macht keine Anstalten zu widersprechen, wiederholte den Satz aber auch nicht. Warum nicht? Das wurde Scholz hier in Washington sehr, sehr oft gefragt. Die "Washington Post" fragte, der Sender CNN fragte, die mitreisende deutsche Presse sowieso. Und der Chef der Republikaner im Senat, Mitch McConnell, forderte ein Signal deutscher Führungsstärke.

Für die US-Amerikaner ist klar: Wenn Russland in die Ukraine einmarschiert, wird die Gas-Pipeline durch die Ostsee nicht in Betrieb genommen. Dass Scholz sich dem nicht anschließt, verärgert und frustriert in den USA einige.

Scholz verweist in dieser Frage auf eine Vereinbarung, die seine Amtsvorgängerin Angela Merkel im vorigen Juli mit Biden getroffen hat - die aber ähnlich unkonkret ist: Beide Länder wollen verhindern, heißt es da, dass Russland im Ukraine-Konflikt die Energieversorgung allgemein und speziell die Pipeline als Waffe einsetze, um seine aggressiven politischen Ziele zu erreichen. Deutschland werde in diesem Fall alle Hebel in Bewegung setzen, damit Russlands Exportmöglichkeiten im Energiebereich begrenzt werden.

Biden nimmt Deutschlands eigene Regeln hin

Ob Deutschland eher ein Verbündeter Russlands als ein Verbündeter des Westens sei, wollte Moderator Jack Tapper bei CNN wissen. Offenbar werde Deutschland von einigen östlichen Nachbarn zunehmend so wahrgenommen. Das sei "absolut Unsinn", meinte Kanzler Scholz. Aber die Frage, ob Deutschland nicht zu nachgiebig und zu vorsichtig gegenüber dem russischen Präsidenten Wladimir Putin sei, kam in Washington immer wieder. Deutschland müsse jetzt aufstehen, den Frieden in Europa schützen und die Ukraine militärisch unterstützen, forderte etwa Senator McConnell. 

Dass Deutschland keine Waffen in Krisengebiete liefert, wird in den USA nicht widerspruchslos hingenommen. CNN-Moderator Tapper erinnerte unter anderem an die Kurden im Irak, die sehr wohl deutsches Material bekommen hatten.

Zumindest Biden scheint aber keinen Zweifel daran zu haben, dass Deutschland ein guter, alter Verbündeter ist und sich im Krisenfall verlässlich an den Sanktionen gegen Russland beteiligen wird - zumindest sagt er das öffentlich. Und er hat es offenbar auch akzeptiert, dass Deutschland seine eigenen Regeln hat: Lieber Geld als Soldaten schickt, lieber ausbildet als schießt, insgesamt sehr hilfsbereit ist, aber irgendwie ein Problem hat, das in der Öffentlichkeit richtig rüberzubringen.

Scholz an Schröder: Der Kanzler bin ich

Der letzte Kanzler der SPD hieß Gerhard Schröder und schied 2005 aus dem Amt, bringt sich bis heute aber immer wieder in Erinnerung, was man in Zeiten wie diesen auch in den USA wahrnimmt. Schröder ist mit Putin befreundet, hat diverse Posten im russischen Energiesektor und kommentiert zudem das Auftreten der neuen Bundesregierung. Welche Botschaft das sende?

Da lachte Scholz bei CNN kurz und scharf. "Er spricht nicht für die Regierung, er arbeitet nicht für die Regierung", sagte er, "ich bin jetzt der Bundeskanzler. Und die politischen Strategien Deutschlands sind jene, die Sie von mir hören." Da muss sich also noch einer freischwimmen - nicht nur weg von der unmittelbaren Vorgängerin, sondern auch weg vom eigenen Parteikollegen.

CNN-Interview mit Signalwirkung

Merkel war nach 16 Jahren in den USA eine eingeführte Marke, die so gut wie alle kannten. Dass Deutschland eine neue Regierung hat, das hat sich wohl auch herumgesprochen. Aber Scholz muss sicher erst noch Profil gewinnen, so klingt es immer wieder an. CNN etwa schreibt, Merkel sei eine weltpolitisch überragende Figur gewesen, deren Abwesenheit auf beiden Seiten des Atlantiks zu spüren sei.

Anderen US-Medien fällt vor allem Scholz' Art zu sprechen auf. Von einer "trademark low voice" ist zu lesen, also von der gedämpften Stimme als Markenzeichen. Anderswo wurde er als "soft-spoken" charakterisiert, also als freundlich und leise. Ansonsten ist er der Mann, der keine Helme liefert statt tödlicher Waffen und sich aus dem Ukraine-Konflikt bisher eher herausgehalten hat.

Damit seine Botschaft vom neuen Mann und der alten Freundschaft auch ja überall in den USA ankam, ging Scholz ein hohes Risiko ein: Er führte das Interview bei CNN auf Englisch. Sehr ungewöhnlich, denn im Ausland sprechen Politiker sehr oft sehr bewusst die eigene Sprache, um zu Hause verstanden zu werden, um sich keine Blöße zu geben und vor allem keine Fehler in der Fremdsprache zu machen.

Scholz kämpfte mitunter mit Aussprache und Betonung, war aber gut vorbereitet und brachte seine Botschaft flüssig herüber. Nur eine feuchte Stelle auf der Oberlippe könnte auf ein bisschen Nervosität hingedeutet haben.

Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 08. Februar 2022 um 10:00 Uhr.