Patriot-Abwehrraketen in Sliac (Slowakei) | REUTERS
FAQ

USA Was kann das Patriot-System?

Stand: 21.12.2022 13:52 Uhr

Die Ukraine soll das Patriot-System bekommen. Was kann das US-amerikanische Flugabwehrsystem - und könnte es Russlands Krieg gegen die Ukraine verändern? Die wichtigsten Fragen und Antworten.

Es geht um den Schutz der Zivilbevölkerung und um den Schutz der Infrastruktur: Die Ukraine brauche dringend Flugabwehrsysteme gegen die intensive Bombardierung ihrer Städte durch die russische Armee. Diese Forderung wird von ukrainischen Politikern immer wieder und in den vergangenen Wochen mit zunehmender Intensität erhoben. Ihr Blick richtet sich dabei vor allem auf das US-amerikanische Patriot-System.

Die NATO stand einem solchen Schritt lange zögerlich gegenüber, auch sorgte das ukrainische Ansinnen für Streit zwischen einzelnen Mitgliedern der Allianz. Dies dürfte vor allem an der Präzision und Reichweite des Systems liegen, die die Verteidigungsfähigkeit der Ukraine deutlich erhöhen würden.

Seit wann gibt es das Patriot-System?

Das Patriot-System ist gleichermaßen bewährt und hochmodern. Das Institut für Strategische Studien (CSIS) nennt es in einer neueren Veröffentlichung das "Arbeitstier" der US-Luftverteidigung. Der Name ist eine Abkürzung und steht im Englischen für "Phased Array Tracking Radar for Intecept on Target".

Die Entwicklung des Boden-Luft-Lenkwaffensystems reicht in die späten 1960er-Jahre zurück, eingeführt wurde es in den frühen 1980er-Jahren, seitdem wurde es immer wieder modernisiert.

Was zeichnet das Patriot-System aus?

Es dient zur Abwehr von Flugzeugen, Marschflugkörpern und Raketen kürzerer Reichweite. Hergestellt wird es von den US-Rüstungskonzernen Raytheon und Lockheed. Erstmals eingesetzt wurde es in den 1990er-Jahren im Ersten Irakkrieg und dann ab 2003 beim Zweiten Irakkrieg.

Das System besteht aus mehreren mobilen Komponenten. Ein Bodenradar erkennt feindliche Flugobjekte in großer Entfernung. Ein Leitstand, der den gesamten jeweiligen Flugraum überwacht, berechnet die Flugbahn der feindlichen Flugobjekte, programmiert die eigenen Raketen und koordiniert deren Abschuss. Der Raketenwerfer selbst ist auf schweren Transportfahrzeugen montiert und verfügt über bis zu acht Raketenwerfer. Der erforderliche Strom kommt von einem weiteren Fahrzeug mit Generatoren.

Die Verteilung der einzelnen Komponenten auf mehrere Fahrzeuge hat den Vorteil, dass das System nicht mit einem Schlag ausgeschaltet werden kann. Sein Aufbau ist dadurch aber auch komplizierter als der eines kompakteren Systems.

Bislang haben 18 Nationen das Patriot-System erworben oder erwägen, dies demnächst zu tun. Auch die Bundeswehr besitzt Patriot-Abwehrraketen.

Wie schnell könnte das Patriot-System eingesetzt werden?

Das ist noch unklar, in einigen Berichten wird der kommende Februar genannt. Allerdings ist die Ausbildung am System für Soldaten und Techniker aufwändig und, je nach Tätigkeit, auf viele Monate ausgelegt. Kurse für die Instandsetzung zum Beispiel dauern laut CSIS 53 Wochen - also mehr als ein Jahr.

Nicht bekannt ist aber, ob ukrainische Soldaten bereits jetzt im Umgang mit dem Patriot-System geschult werden - das könnte zu einem schnelleren Einsatz führen.

Was würde eine Lieferung für die Ukraine bedeuten?

Die Ukraine erhofft sich von den Patriot-Abwehrraketen eine deutliche Steigerung ihrer Luftverteidigung. Die russische Armee hatte in den vergangenen Wochen ihre Angriffe auf die zivile Infrastruktur des Landes massiv ausgeweitet, so dass weite Teile des Landes unter Stromausfall leiden.

US-Militärexperten bezweifeln allerdings, dass der Einsatz der Patriot-Systeme ein "Game-Changer" wäre und das Kriegsgeschehen entscheidend verändern würde. Die Nachrichtenagentur AP zitiert nicht namentlich genannte Militärexperten, die die Ansicht vertreten, dass die Patriot-Raketen zwar eine große Reichweite hätten, aber nur ein kleines Gebiet abdecken könnten. Eine Stadt wie Kiew könnte deshalb so nicht vollständig abgeschirmt werden.

Ein weiterer Faktor kommt hinzu: die Kosten. Das CSIS beziffert die Kosten für eine Batterie auf bis zu 1,1 Milliarde US-Dollar - rund 400 Millionen US-Dollar für das System und rund 690 Millionen US-Dollar für die Raketen. Das mache die Patriot-Systeme zum bislang teuersten Waffensystem, das die USA der Ukraine zur Verfügung gestellt haben.

Diese hohen Kosten begrenzen wahrscheinlich auch den Einsatz der Patriot-Systeme. Eine Rakete, die Millionen kostet, gegen vergleichsweise billig produzierte Drohnen einzusetzen, würde wohl wenig Sinn ergeben. Wahrscheinlicher dürfte deshalb sein, dass die Patriot-Raketen vor allem sensible Einrichtungen in der Ukraine schützen würden.

Was sagt Russland dazu?

Russland bezeichnete eine Patriot-Lieferung als einen weiteren provokativen Schritt der USA, der Konsequenzen nach sich ziehen werde. Patriot-Systeme seien dann ein legitimes Ziel von russischen Raketenschlägen.

Wie argumentieren die USA?

Die USA weisen diese Deutung zurück und betonen den defensiven Charakter der Abwehrsysteme. Washington hatte allerdings lange gezögert, der ukrainischen Forderung nachzukommen. Das dürfte mehrere Gründe haben. Sollte eine Patriot-Rakete - gezielt oder fehlgeleitet - russisches Gebiet treffen, könnte dies von Russland als Eskalation des Krieges dargestellt werden - mit nicht absehbaren Folgen. Es ist aus jüngerer Zeit aber kein Beispiel dafür bekannt, dass Patriot-Raketen ihre vorgesehenen Ziele deutlich verfehlt hätten.

Das US-Militär dürfte aber auch auf die Folgen für die eigene Flugabwehr geschaut haben. Die USA und die NATO insgesamt haben ihre Flugabwehr-Kapazitäten in den Jahrzehnten nach dem Ende des Kalten Krieges reduziert, da sie keinen besonderen Bedarf mehr erkannten. Die Hilfe für die Ukraine hat den Bestand an Flugabwehrraketen bereits deutlich reduziert. Deshalb berücksichtigen die NATO-Staaten bei ihren Debatten immer auch die eigene Verteidigungsfähigkeit. Die USA haben derzeit 15 Patriot-Systeme. Das CSIS wertet deshalb die Bereitstellung eines Systems vor allem als symbolische Geste, die die Bereitschaft der USA unterstreichen soll, der Ukraine weiterhin massiv zu helfen.

Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 21. Dezember 2022 um 12:00 Uhr.