Ein Mann erstickt Flammen mithilfe einer Holzstange, an deren Ende eine feuerfeste Gummimatte befestigt ist. | Matthias Ebert

Brände in Brasilien Die freiwillige Urwald-Feuerwehr

Stand: 24.09.2021 11:18 Uhr

Klimawandel, Dürre und Brände setzen dem Amazonas und den dort lebenden Indigenen zu. Weil Brasiliens Regierung nicht genug tut und die Feuerwehr oft überfordert ist, kämpfen sie selbst gegen die Brände.

Von Matthias Ebert, ARD-Studio Rio de Janeiro

Sie tragen gelbe Jacken und Helme, während sie über die staubtrockenen Wege ihres Stammesgebietes marschieren. 29 indigene Frauen der Ethnie Xerente lassen sich zu Brand-Bekämpferinnen ausbilden. Gerade üben sie das Ersticken von Flammen mit Hilfe langer Holzstangen, an deren Ende feuerfeste Gummimatten befestigt sind.

Matthias Ebert ARD-Studio Rio de Janeiro

"Für uns ist es eine Ehre, an der Brandbekämpfung mitzuwirken", erklärt Hireki da Mata, eine der Kursteilnehmerinnen. Mitglieder der lokalen Feuerwehr im brasilianischen Bundesstaat Tocantins weisen die Frauen ein und erklären, dass sie vor allem auf die Windrichtung achten müssen. Bald schon sollen die Frauen Wasserkanister erhalten, die sie sich um die Hüfte schnallen können, um kleinere Feuer mit einem Sprühkopf zu löschen.

Ausschau halten und Feuer zügig löschen

Die Idee, dass auch die weiblichen Mitglieder des Xerente-Stammes in der Brandsaison mit anpacken, kam von den Frauen selbst. "Bereits 2020 mussten wir mithelfen, weil die Brände so viel zerstörten. Das hat mich unglaublich traurig gemacht", erzählt die Chefin der Frauenbrigade, Vanessa Sidi. Im Cerrado-Urwald, in dem das Indigenen-Reservat mit seinen 94 Dörfern liegt, brennt es auch in diesem Jahr wieder an vielen Stellen. Brasiliens Weltraumbehörde hat allein in Tocantins seit Jahresbeginn mehr als 7000 Brände per Satellit registriert.

Von Dürre gezeichnete Erde in Pantanal. | Matthias Ebert

Bei der vertrockneten Vegetation im Pantanal genügt ein Funke, um ein Feuer anzufachen. Bild: Matthias Ebert

Weil das Thermometer im August und September auf mehr als 40 Grad klettert, ist es wichtig, die Flammen zügig zu löschen, bevor sie ganze Landstriche erfassen. Deshalb unterstützt auch Stammesoberhaupt Paulo Cesar Wawekrure die Einsatzbereitschaft der Frauen. "Sie werden nun auch dafür Sorge tragen, dass unsere Bäume und Früchte nicht verbrennen."

Auch im Nachbarbundesstaat Pará patrouillieren die Jäger vom Stamm der Krimej und Kayapó jede Woche an den Grenzen ihres Reservats. Viele der Brände greifen von angrenzenden Farmern auf das indigene Schutzgebiet über. Landwirte brennen traditionell ihre Felder ab, um sie für die kommende Saison vorzubereiten oder um Ackerland zu gewinnen. Seit Jahren spüren die Kayapó den steigenden Druck der Agrarlobby, die mit ihren Rinder- und Soja-Feldern immer näher an das Reservat heranrückt.

"Wir schützen unseren Wald, dem wir unsere Nahrung verdanken. Und die Flüsse, in denen wir fischen", erklärt Monire Mekragnotire. Kurz darauf rennt er im Gänsemarsch über geschlungene Pfade durch den Dschungel - auf der Suche nach Bränden, die seine Heimat bedrohen.

Gefahr für Tiere im Pantanal

Weiter südlich, im Pantanal-Feuchtgebiet, droht wegen der Feuer sogar eine ökologische Katastrophe. Ilvanio Martins von der Umweltschutz-Organisation "Ecotrópica" steht vor einer der wenigen verbliebenen Wasserstellen, in der mehr als 100 Kaimane dicht zusammengedrängt in der Mittagshitze ausharren. Sie drohen qualvoll zu verenden, denn der Wasserspiegel ist viel niedriger als sonst zu dieser Jahreszeit. Kaiman-Skelette liegen neben dem Tümpel. Es stinkt bestialisch.

Mehrere Kaimane harren dicht zusammengedrängt in der Mittagshitze in einer Wasserstelle aus. | Matthias Ebert

Kaimane harren dicht zusammengedrängt in der Mittagshitze in einer flachen Wasserstelle aus. Bild: Matthias Ebert

Martins bittet per Telefon die staatliche Umweltbehörde um Hilfe. Sie sollen einen Wasser-LKW schicken, um die Kaimane vor dem Verdursten zu retten. Seit drei Jahren herrscht im Pantanal außergewöhnliche Trockenheit. 2020 ging zudem ein Drittel des Feuchtgebiets in Flammen auf. Bei den Rekordbränden wurden mehr als 17 Millionen Tiere getötet, darunter viele Schlangen.

"Noch ist wissenschaftlich nicht bewiesen, ob diese extreme Trockenheit auf den Klimawandel zurückzuführen ist. Wir gehen aber davon aus", sagt Martins' Assistentin Karen Domingo. Der Wassermangel sei derzeit ein extremer Stresstest für die Tiere im Pantanal.

Die Karte zeigt das Pantanal in Brasilien mit der Hauptstadt Brasilia

Warten auf die Regenzeit

Am Horizont entdeckt Martins eine Rauchsäule. Kurz darauf versucht er mit seinen Helfern, das Feuer zu ersticken. Sie schlagen mit Gummimatten auf die Brandherde ein, bis diese gelöscht sind. Dann facht der Wind die Flammen an anderer Stelle von Neuem an. Erst nach einer Stunde gelingt es den Helfern von Ecotrópica, den Vormarsch der Flammen zu stoppen. Zumindest vorerst. "Brasiliens Regierung ist nicht darauf vorbereitet, die jährlichen Brände effektiv zu bekämpfen", klagt der Umweltschützer.

Dass für Brasiliens Regierung Umwelt- und Klimaschutz derzeit politisch keine Priorität haben, wissen auch die Frauen vom Stamm der Xerente. "Wir sehen die Schönheit unserer Natur und wollen deshalb unsere Männer unterstützen, unsere Umwelt zu erhalten", sagt Ana Shelley Xerente. Sie werden noch bis Ende des Jahres auf Patrouille gehen müssen, bis die Regenzeit beginnt.

Über dieses Thema berichtete der Weltspiegel am 23. August 2021 um 19:20 Uhr.