Der ehemalige US-Präsident, Barack Obama (Archivbild). | AFP

USA Obama - der überschätzte Präsident?

Stand: 04.08.2021 04:19 Uhr

Heute wird der ehemalige US-Präsident Obama 60 Jahre alt. In Deutschland immer noch sehr beliebt, ist die Bilanz des ersten Afroamerikaners im Weißen Haus gemischt. Vor allem Obamas Außenpolitik wird meist kritisch gesehen.

Von Sebastian Hesse, ARD-Studio Washington

Für gewöhnlich geht es ausgesprochen harmonisch zu in dem kleinen Townhouse im Washingtoner Stadtteil Georgetown, in dem Nancy Flinn und Dick Weiss mit ihrem Hund Nelli leben. Doch wenn die Sprache auf Barack Obama kommt, dann kann sich das kurzzeitig auch mal ändern.

Sebastian Hesse ARD-Studio Washington

Dick, der vor Trump zumeist republikanisch gewählt hat, ist alles andere als ein Obama-Fan: "Mir kam er immer so distanziert vor, weit weg von uns allen." Mit "uns allen" meint Dick sowohl die Großstädter aus Chicago, wo er genau wie Obama aufgewachsen ist, als auch die Menschen in den ländlichen Weiten der USA. Die kennt Dick als ehemaliger Lobbyist der Agrarindustrie gut. "Wenn Obama geredet hat, dann hat er nicht zu mir gesprochen, sondern zu mir herab." Obama sei ein wenig elitär gewesen.

Trumps Wegbereiter?

Das hört man in den USA durchaus häufig, wenn man die Metropolen an den Küsten verlässt: Dass Obama die Sprache der an Europa orientierten Globalisten gesprochen und wenig Gespür aufgebracht habe für Menschen, die auf Feldern, in Ställen und in Fabriken ihren Lebensunterhalt verdienen. "Auf Obamas Attitüde und seine Vorgehensweise haben die Menschen in den Fly-Over-States mit Abneigung reagiert", meint Dick. So habe Obama den Weg geebnet für Trump.

Auch das gehört zu den gängigen Klischees in den USA: Während Obama glänzt, wenn er bei Lachskanapees mit Hollywood-Stars parliert, versteht es Trump, mit dem Cheeseburger in der Hand den Stahlarbeitern zuzuhören. Gelernt habe Trump das auf den Baustellen seines Immobilien-Imperiums.

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Obama vertiefte Spaltung

Nancy Flinn schüttelt den Kopf angesichts dieser Zuspitzung: Ihr geht das entschieden zu weit. "Obama hat zwar tatsächlich das ländliche Amerika vernachlässigt", räumt sie ein, "er ist eher ein Präsident für Küstenbewohner mit modernen Jobs in der Tech-Industrie und urbanem Lifestyle gewesen".

Trotzdem denkt sie, dass ihr Lieblingspräsident - ganz down to earth - gelegentlich seine Töchter mitgenommen auf ein ländliches Volksfest und ihnen einen Hot Dog spendiert habe. Nancy und Dick sind sich einig, dass Obama die Spaltung des Landes, die spätestens unter George W. Bush in den turbulenten Jahren rund um die hochumstrittene Irak-Invasion begann, eher vertieft hat.

Kritik an Außenpolitik

Über seine realen Verdienste jedoch - das skandalfreie Regieren, das Abfedern der Finanzkrise von 2008, Obamacare, Umwelt- und Klimaschutz - herrscht dann wieder Einigkeit im Hause Flinn / Weiss. In den USA wird heute vor allem die Außenpolitik des Friedensnobelpreisträgers kritisch gesehen. Für die sei er weitgehend allein verantwortlich: Hier habe der republikanische dominierte Kongress ihm weniger Knüppel zwischen die Beine werfen können.

So sieht es etwa der Diplomat Richard Haass, der Präsident der außenpolitischen Denkfabrik Council on Foreign Relations: "Sein außenpolitisches Erbe fällt unterm Strich negativ aus. Er dürfte in die Geschichtsbücher eingehen als Präsident, der international zu wenig getan und erreicht hat".

Versagen in Syrien?

Das gelte vor allem für Syrien: "Nichts hat Obamas Autorität und den Ruf der USA mehr untergraben als seine Unfähigkeit, den Bürgerkrieg zu beenden und die Giftgas-Einsätze zu verhindern", so Haass. Auch das Aufkommen der Terrororganisation "Islamischer Staat", der Stillstand im israelisch-palästinensischen Konflikt oder der Wortbruch, was die Schließung des umstrittenen Gefangenenlagers Guantanamo Bay betrifft, lasten auf dem außenpolitischen Erbe.

Nancy Flinn meint jedoch, dass es eine alles überragende Errungenschaft der Obama-Jahre gibt: "Dass Amerika einen schwarzen Präsidenten gewählt hat - das ist ein großes, großes Geschenk gewesen!"

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk Kultur am 04. August 2021 um 05:45 Uhr.