Nicaraguas Präsident Daniel Ortega und Vizepräsidentin Rosario Murillo | REUTERS

Wahlen in Nicaragua Kaum Zweifel am Gewinner

Stand: 07.11.2021 09:22 Uhr

Nicaragua wählt: Dass Daniel Ortega sich dabei seine vierte Amtszeit sichert, daran besteht kaum ein Zweifel. Seine Konkurrenten hat er vorher ausgeschaltet. Viele Menschen haben das Land verlassen.

Von Anne Demmer, ARD-Studio Mexiko-Stadt

Zum Interview trifft Carlos Fernando Chamorro Journalisten in einem Wohnkomplex am Rande von San José, der Hauptstadt des Nachbarlandes Costa Rica. Nicaragua hat der Chefredakteur des Investigativ-Portals "El Confidencial" im letzten Juni verlassen. Sein Haus und die Redaktionsräume in Managua wurden stundenlang von der Polizei durchsucht. Es ist bereits das zweite Mal.

Anne Demmer

Die Arbeit wird immer schwieriger

Anfang 2019 hatte der Sohn der früheren Präsidentin Violeta Chamorro bereits das Land verlassen. Über die Wahlen in Nicaragua wird er nun aus dem Exil in Costa Rica berichten. Wie er und sein Team vor Ort arbeiten, darüber will er nicht sprechen.

Die Namen seiner Reporter, aber auch die seiner Interviewpartner in seiner Heimat muss er schützen. Die Arbeit werde immer schwieriger, sagt er: "Ich habe keine Quellen mehr, keine Interviewpartner, die ihre Meinung offen äußern wollen, ich muss ihre Identität schützen, weil sie festgenommen werden könnten, wenn sie ihre Meinung offen kundtun oder weil sie eine Information gegeben haben."

Viele Oppositionelle und Journalisten verhaftet

Wer Kritik übt, läuft Gefahr verhaftet zu werden. Rund 40 Oppositionelle, Journalisten, Unternehmer, Politiker wurden im Vorfeld der Wahlen festgenommen. Darunter sieben führende Oppositionspolitiker, Anwärter auf das Präsidentenamt.

Aussichtsreiche Kandidatin Chamorro unter Hausarrest

Auch die unmittelbare Familie des Confidencial-Chefredakteurs ist betroffen. Seine Schwester galt als aussichtsreichste Kandidatin. Jetzt steht Christiana Chamorro unter Hausarrest, ihr wird Geldwäsche vorgeworfen. Sein Cousin, Sebastián Chamorro sitzt im Gefängnis, El Chipote.

Er ist ebenfalls als Präsidentschaftskandidat angetreten. Auch mein Bruder Joaquin Chamorro ist im Gefängnis. Und ein weiterer Cousin, Juan Lorenzo Holmann. Er war der Geschäftsführer der Zeitung 'La Prensa'. Auch seine Redaktionsräume wurden durchsucht. Diejenigen, die im Gefängnis sind, sitzen in Isolationshaft. In vier bis fünf Monaten hatten sie nur zwei Mal Besuch von ihren Familienangehörigen.

Viele Menschen haben das Land verlassen

100.000 Menschen haben mittlerweile das Land verlassen. Die Mehrheit lebt im Exil in Costa Rica. Auch Susana López hat sich im Juni entschieden, ins Nachbarland zu flüchten, als um sie herum im letzten Juni Menschen verhaftet wurden. Ihr 20-jähriger Sohn, Gerald Vásquez,  ist bei den Studentenprotesten 2018, gegen die die Sicherheitskräfte immer wieder brutal vorgegangen sind, ums Leben gekommen. Eine Kugel hat ihn am Kopf getroffen.

Hoffen auf Gerechtigkeit

Danach hat sich Susana López selbst der Protestbewegung angeschlossen, der Vereinigung der Mütter, der Asociación Madres de Abril. Sie fordern Gerechtigkeit, für das, was ihren Kindern widerfahren ist. Sie sagt: "Die Studenten wollten einen Wechsel, wir machen damit weiter, auch von hier aus. Die Täter müssen zur Verantwortung gezogen werden. Sie müssen dafür bezahlen. Irgendwann wird es Gerechtigkeit geben."

Das hofft sie zumindest. Derzeit sieht es jedoch nicht nach einem Wechsel aus. Auch wenn laut der jüngsten Umfrage von Gallup nur 19 Prozent der Befragten für den amtierenden Präsidenten Daniel Ortega stimmen und 65 Prozent für einen der sieben inhaftierten Kandidaten stimmen würden.

Der Gewinner steht vor der Wahl fest

Der Gewinner der Wahlen steht auch schon vor der Eröffnung der Wahllokale fest, sagt der Chefredakteur von El Confidencial Carlos Fernando Chamorro: "Der Wahlrat wird Daniel Ortega eine Wahlbeteiligung von um die 70 Prozent bestätigen. Die einen werden aus Boykott zu Hause bleiben, andere werden wählen gehen. Wieder andere müssen sogar wählen gehen, weil sie ansonsten ihren Job verlieren würden." Der Wahlrat sei keine Institution der man vertrauen kann, die autonom ist. "Das einzige was wir wissen ist, dass die Opposition sich im Gefängnis befindet."

Wie mit der Angst umgehen?

Angesichts der massiven Repression in seiner Heimat - gegen seine Familie hat auch Chamorro Angst: Die Frage sei, wie wir mit der Angst umgehen, dass sie uns nicht lähme. Im Exil fühle er sich natürlich sicherer. "Mein Vater ist während der Somoza-Diktatur ums Leben gekommen. Kurz bevor sie ihn umgebracht haben, sagte er: Jeder ist Herr der eigenen Ängste. Das ist das, womit wir Nicaraguaner leben, das ist unser Mandat", sagt er.

Über dieses Thema berichtete Inforadio am 07. November 2021 um 08:06 Uhr.