Aktivistinnen kleben Aufkleber | Antje PAssenheim / ARD New York

New Yorker Initiative "Wir wollen Geschichte richtig erzählen"

Stand: 13.08.2021 14:11 Uhr

In New York wimmelt es von Straßennamen, die auf Sklavenhalter und Sklavenhändler zurückgehen. Darauf macht eine Initiative in der Metropole aufmerksam. Sie will Bewusstsein schaffen - aber die Vergangenheit nicht tilgen.

Von Antje Passenheim, ARD-Studio New York

Ein weiß-grüner Sticker landet auf den Fratzen einer Graffiti-Wand in Brooklyn. Er zeigt einen Namen in Form eines Straßenschilds. "Die Horrorstory hier ist ein idealer Platz dafür", sagt Ada Reso. "Die Sklaverei war auch eine Horrorstory." Und die wenigsten wüssten: "Hier hat sie sich abgespielt."

Antje Passenheim ARD-Studio New York

Die junge Frau holt gleich noch einen Aufkleber aus ihrer Tasche und pappt ihn auf die Wand. "Wyckoff" steht darauf - der Name dieser Avenue. Ihre Namensgeber seinen einflussreiche Landbesitzer gewesen, eine  Siedlerfamilie, erklärt Adas Begleiterin Elsa Waithe und liest vor, was noch auf dem Sticker steht: "Die Wyckoff-Familie hat sich zwischen 1698 und 1826 mindestens 128 Menschen als Sklaven gehalten."

Sie waren nicht die Einzigen. Es wimmele in New York Schildern von Straßennamen, die auf Männer zurückgehen, die zu ihrer Zeit Sklavenhalter oder sogar Sklavenhändler waren. Elsa zählt auf: "Nostrand, Stuyvesant, Lefferts, Jefferson ..." Den wenigsten New Yorkern sei das bewusst.

Elsa, eine afroamerikanische Comedian aus dem Brooklyner Viertel Crown Heights, die Malerin Ada Reso und Rechercheurin Maria Robles helfen jetzt nach. Sie gründeten die Initiative "Slavers of New York" - "Sklavenhalter von New York".

Aktivistinnen Ada Reso (l.) und Elsa Waith | Anje Passenheim / ARD New York

Ada Reso (l.) und Elsa Waith wollen die Vergangenheit nicht ungeschehen machen - aber das Bewusstsein dafür schärfen, wen New York und das Land mit Straßennamen ehrt. Bild: Anje Passenheim / ARD New York

Hunderte Orte mit belasteten Namen

Mehr als 500 verschiedene Orte hätten sie ausgemacht, berichtet Elsa, die Namen von rund 200 ehemaligen Sklavenhaltern tragen. "Typischerweise reiche Landbesitzer, durch deren Besitz dann später Straßen gezogen wurden. Und die wurden nach ihnen benannt."

Ihren Reichtum hätten sie durch die Arbeit der Sklaven erworben, sagt Elsa, deren Vor-Vorfahren auch als Leibeigene auf amerikanischen Plantagen schuften mussten. "Das heißt im Klartext: Wir ehren Sklavenhalter mit den Namen unserer Straßen."

Straßenschilder in der New York mit der Aufschrift Wyckoff Av und Jefferson Street | Antje Passenheim / ARD New York

An dieser Straßenkreuzung in New York werden gleich zwei Sklavenhalter als Namensgeber gewürdigt. Bild: Antje Passenheim / ARD New York

Späte Abschaffung der Sklaverei

Erst 1827 gab es in der heute so als liberal gefeierten Stadt ein Gesetz zur endgültigen Abschaffung der Sklaverei. Das lernte Elsa durch einen Twitter-Post in der Zeit des Corona- Lockdowns. Es war das Foto eines alten Volkszählungs-Dokuments: "Da stand der Name der Familie, die Zahl der Mitglieder und dann ganz hinten: die Zahl der Sklaven ..."

Elsa, Ada und Maria fanden Dokumente und Zeitungsartikel: Verkaufsangebote von Sklaven, Suchmeldungen von Weggelaufenen. Immer klarer wurde ihr Bild.

Es war die Zeit, in der sie mit der Bürgerrechtsbewegung Black Lives Matter auf den Straßen um George Floyd trauerten, sagt Elsa. "Es war die Zeit, in der Monumente der Konföderierten ernsthaft wieder in die Kritik kamen und immer mehr Statuen fielen."

Dass auch Straßenschilder fallen, wollten die "Slavers of New York" allerdings nicht. "Wir wollen die Geschichte richtig erzählen. Das Narrativ ist, dass New York und der ganze Norden die Guten in den Sklavenzeiten waren. Aber New York war die längste Zeit ein Zentrum des Sklavenhandels. Die Wallstreet ist von Sklaven gebaut worden."

Aufkleben und anregen

In einem befreundeten Sticker-Laden, ließen sie die ersten Aufkleber drucken. Und zogen los, um sie auf die gleichnamigen Straßenschilder zu kleben.

Auf der Wyckoff Avenue in Brooklyn bleibt neugierig ein Pärchen stehen, als Ada und Elsa sich gerade einen Stromkasten vorknöpfen. Was sie darauf klebten, wollen sie wissen. "Das waren Sklavenhalter", erklärt ihnen Elsa und zeigt auf das Straßenschild. "Darüber habe ich mir nie Gedanken gemacht", sagt die Frau und lässt sich einen Sticker geben. Den werde sie gleich auf die Laterne vor ihrem Haus kleben.

Solche Reaktionen bekommen die "Slavers of New York" häufig - auch auf ihrem Twitter-Account. Doch genauso oft reagieren die Menschen auch abweisend, besonders wenn sie weiße Haut hätten: "Das macht ihnen vielleicht Schuldgefühle. Sie haben das Gefühl, jemand zeigt mit dem Finger auf sie, weil sie etwas falsch gemacht hätten", sagt Elsa. "Bei den Schwarzen hat Ablehnung oft einen andern Grund. Die sagen: 'Wir wollen an sowas nicht in unserer Nachbarschaft erinnert werden.'"

Werden die Straßennamen geändert?

Das Trio denkt anders. Gerade dehnen die "Slavers of New York" ihre Sticker-Aktion von Brooklyn auf ganz New York aus. Der voraussichtlich künftige Bürgermeister der Metropole, der Afroamerikaner Eric Adams, hat anklingen lassen: Er könnte sich vorstellen, die Straßennamen zu ändern.

Elsa zuckt mit den Schultern: "Nur mit den Namen würden wir nichts verändern. Worauf es doch ankommt ist, dass wir drüber reden und nachdenken." Die Namen sollten mal ruhig bleiben. Sie gehörten schließlich zur Geschichte dieser Stadt.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 13. August 2021 um 05:16 Uhr.

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Moderation 13.08.2021 • 21:43 Uhr

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