Demonstranten gegen die Einschränkung des Abtreibungsrechts in den USA gehen durch die Straßen von New York. | EPA

Abtreibungsrecht in den USA New York will wieder Zufluchtsort werden

Stand: 17.05.2022 02:11 Uhr

New York bereitet sich auf eine drastische Einschränkung des Rechts auf Abtreibungen in den USA vor. Der Bundesstaat will in dem Fall ein Zufluchtsort für Frauen aus dem ganzen Land werden - so wie schon einmal.

Von Antje Passenheim, ARD-Studio New York

Mein Körper - meine Wahl. Sie trommeln für das Abtreibungsrecht. Tausende Demonstrantinnen ziehen über die Brooklyn Bridge, auf Manhattans mächtigen Finanzdistrikt zu.

Antje Passenheim ARD-Studio New York

New York muss aufstehen, sagt Linda. Und es sei traurig, dass sich diese Geschichte wiederholt. Die 78-Jährige hat vor 50 Jahren schon einmal für das Abtreibungsrecht gekämpft: "Nach all diesen Jahren sind Frauen hier in Gefahr. Es bricht mein Herz. Was für eine Gesellschaft sind wir? Scheren sie sich denn einen Dreck um Frauen?" Und Sarah, Anfang 20, droht:

Wenn Abtreibung hier illegal wird, denke ich darüber nach, dieses Land zu verlassen. Ohne Zugang zur Abtreibung fühlt es sich für mich nicht sicher an, hier zu leben.

New York war schon einmal Vorreiter

Doch New Yorkerinnen sollen sich sicher fühlen - ganz gleich, was das Oberste Gericht demnächst entscheidet. Frauen, die eine Schwangerschaft abbrechen müssen, würden weiter mit offenen Armen aufgenommen, ganz gleich, woher sie kommen, verspricht Gouverneurin Kathy Hochul.

Dann wäre es wie vor über 50 Jahren, als New York als einer der ersten US-Staaten das Recht auf Abtreibung festgeschrieben hatte - lange vor dem bahnbrechenden Abtreibungsurteil "Roe versus Wade". 1970 kamen zwei Drittel aller Frauen, die eine Abtreibung in New York machten, von außerhalb. So könnte es wieder werden, wenn das Oberste Gericht das landesweite Recht kippt.

Fonds soll finanzielle Hilfe leisten

Gouverneurin Hochul und Justizministerin Letitia James rüsten dafür bereits auf. Ein 35 Millionen Dollar-Fonds soll helfen, Abtreibungskliniken besser auszustatten und die Kosten der Hilfe-Suchenden aufzufangen, verkündet James:

Verbote verhindern keine Abtreibungen. Verbote verhindern nur sichere Abtreibungen. Und deshalb stellen wir hier Hilfe für sichere Abtreibungen bereit.

Wenn Ärztin Susan das hört, denkt sie, die Uhren tickten rückwärts. Die Medizinerin möchte anonym bleiben, weil sie gelegentlich Drohungen bekommt. Die New Yorkerin hat viele Abtreibungen vorgenommen. Sie ist Teil eines Ärzte-Netzwerks, das Frauen in den ganzen USA mit der Abtreibungspille versorgt. Viele Hilferufe bekommt Susan aus Texas, wo es das strengste Gesetz gibt.

Frauen, die unter Tränen erzählen: Ich habe schon zwei Kinder. Wir haben kein Geld. Ich habe kein Auto und komme nicht nach Oklahoma oder New Mexico. Ich weiß nicht, was ich tun kann. Ich bin über die sechste Woche, und die Kliniken in Texas weisen mich deshalb ab.

Nachfrage nach Abtreibungspille gestiegen

Andere sind gewaltsam schwanger geworden - oder haben gesundheitliche Einschränkungen. Die Nachfrage nach der Abtreibungspille sei gestiegen, seit das Gesetz wackelt. Viele Frauen wollten sie vorsichtshalber auf Vorrat im Schrank haben. Noch verschickt Susan das Arzneimittel völlig legal - wird das Abtreibungsrecht aber gekippt, stehen Ärztinnen wie sie künftig mit einem Bein im Gefängnis.

Wenn ich Medikamente nach Texas schicke und jemand das herausfindet, kann er mich dann verklagen. Es wäre ein Verbrechen. Texas könnte die Staatenpolizei in New York anrufen, um mich verhaften zu lassen und nach Texas auszuliefern.

Ärztinnen wie Susan mahnen: Die New Yorker Gesetzgeber müssen solche juristischen Grauzonen klären, um sie zu schützen.

Zugang zu Abtreibung von Postleitzahl abhängig

Susan kann es immer noch nicht fassen. Seit sie studiert hat, haben Konservative immer am Abtreibungsrecht gekratzt.

Ich erinnere mich, wie ich gedacht habe: Nein, sie können das Gesetz nicht kippen. Sie haben mehr und mehr Einschränkungen eingebaut. Und dein Zugang zu einer Abtreibung hing in den USA plötzlich von Deiner Postleitzahl ab.

Sie redet viel darüber mit ihrer 20-jährigen Tochter. Die könne nicht glauben, dass eine Abtreibung in ihrem Land vielleicht bald ein Verbrechen sei. Der Druck, hofft Susan, wird viele junge Frauen in die Politik treiben - zumindest aber an die Urnen bei der nächsten Wahl.

Über dieses Thema berichtete Inforadio am 17. Mai 2022 um 09.10 Uhr.