Auf einer Demonstration fordern Mexikaner Gerechtigkeit für die ermordeten Journalisten Lourdes Maldonado und Margarito Martínez. | dpa

Journalistenmorde in Mexiko "Ich fürchte um mein Leben"

Stand: 26.01.2022 18:14 Uhr

Seit Jahren ist Mexiko das gefährlichste Land der Welt für Medienschaffende. Allein seit Jahresbeginn wurden drei Journalisten ermordet - unter ihnen eine Fernsehreporterin, die die Regierung um Schutz gebeten hatte.

Von Anne Demmer, ARD-Studio Mexiko-Stadt

Lourdes Maldonado, Fernsehreporterin, Margarito Martínez, Fotojournalist, José Luis Gamboa, Direktor einer Online-Nachrichtenseite  -  das sind die Namen der drei Journalisten, die allein im ersten Monat des neuen Jahres ermordet wurden, zwei von ihnen innerhalb von einer Woche in Tijuana, in der Stadt ganz im Norden Mexikos an der Grenze zu den USA.

Anne Demmer

"Die Hintergründe, warum es gerade jetzt in kürzester Zeit eine derart massive Aggression gegen Journalisten gibt, sind unklar", sagt Leopoldo Maldonado, Regionaldirektor der Organisation "Artikel 19", die sich für Presse- und Meinungsfreiheit einsetzt. "Generell ist es der Verfall des Staates, der in vielen Regionen zu beobachten ist, der Krieg zwischen den kriminellen Banden, die Verstrickung des organisierten Verbrechens mit den lokalen Regierungen."

Lourdes Maldonado war gerade in ihrem roten Pkw auf dem Weg nach Hause, als aus einem vorbeifahrenden Wagen in Tijuana auf sie gezielt wurde. Nachbarn hörten gegen 18.20 Uhr die Schüsse. Eine Kugel traf sie tödlich. Der Motor lief noch, als die Journalistin aufgefunden wurde, wie lokale Medien berichten. Es habe bereits vorher einmal einen Angriff auf sie gegeben, berichtet Leopoldo Maldonado: "Sie hatte damals ihr Auto geparkt, um Besorgungen zu machen, und als sie wieder zurückkam, entdeckte sie Einschusslöcher."

Mord nach Korruptions-Berichten

Lourdes Maldonado berichtete über Korruption und Lokalpolitik. Erst vor wenigen Tagen hatte die Reporterin einen neun Jahre andauernden Gerichtsstreit gegen den ehemaligen Gouverneur des Bundesstaates, Jaime Bonilla, gewonnen. Bonilla war Gründer eines Nachrichtensenders, für den Maldonado zeitweise gearbeitet hatte.

Bereits im Jahr 2019 hatte sie in der morgendlichen Pressekonferenz des mexikanischen Präsidenten Andrés Manuel López Obrador um Hilfe gebeten: "Ich fürchte um mein Leben. Hier geht es um einen mächtigen Mann aus der Politik, aus ihrer Partei", sagte sie damals und nannte dabei auch Bonillas Namen.

Mahnwache für die ermordete Journalistin Lourdes Maldonado. | dpa

Menschen fordern auf einem Plakat in Tijuana "Gerechtigkeit für Lourdes und Margarito", zwei ermordete Journalisten. Bild: dpa

Ermittlungen versanden zu oft

Ob es mögliche Zusammenhänge gibt, sollte transparent untersucht werden, fordert "Artikel 19". Die Journalistin Maldonado war Teil eines staatlichen Schutzprogrammes. Doch diese Programme seien hoffnungslos unterfinanziert, es gebe zu wenig Personal, sagt der Direktor des Regionalprogrammes - und fügt hinzu: Jedes Schutzprogramm sei "sinnlos", wenn es nicht zugleich ernstzunehmende Ermittlungen der Gewalttaten gegen Journalisten gebe. "In den meisten Fällen gab es auch schon vorher Aggressionen gegen die Journalisten, so wie im Fall Lourdes Maldonado, die allerdings nicht verfolgt werden. Die Täter bleiben straffrei. Die Ermittlungen kommen nicht voran."

Laut Reporter ohne Grenzen war Mexiko 2021 das dritte Jahr in Folge das gefährlichste Land für Medienschaffende auf der Welt. In keinem anderen Land, das sich nicht im Krieg befindet, werden so viele Journalisten ermordet. Allein im letzten Jahr wurden sieben Journalistinnen und Journalisten umgebracht.

Trotzdem handle die Regierung nicht, sagt Maldonado von "Artikel 19". Im Gegenteil: Der mexikanische Präsident López Obrador diskreditiert kritische Journalisten immer wieder öffentlich und stellt sie als Lügner dar. "Diese Gewalttaten gegen Journalisten müssen ernst genommen werden", sagt Maldonado. "Solange es keine Gerechtigkeit gibt, werden wir nicht aus dieser Spirale herauskommen."

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 26. Januar 2022 um 15:54 Uhr.