Gustavo Petro und Francia Márquez  | AP

Historische Präsidentenwahl Linksruck im konservativen Kolumbien

Stand: 20.06.2022 09:01 Uhr

In Kolumbien ist erstmals ein linkes Kandidatenduo gewählt worden. Der designierte Präsident Petro und seine Vize Márquez wollen sich vor allem für die Armen und Marginalisierten im Land einsetzen.

Von Kai Laufen, ARD-Studio Rio de Janeiro

Als strahlender Sieger präsentiert sich Gustavo Petro knapp vier Stunden nach Urnenschluss seinen Anhängern: "Danke euch allen, an diesem Tag, der zweifellos historisch ist. Wir schreiben Geschichte für Kolumbien, für Lateinamerika, für die Welt. Die elf Millionen Wähler, die uns gewählt haben, wollen einen Wandel, einen echten Wandel und wir werden diese Wähler nicht verraten - ab heute verändert sich Kolumbien."

Kai Laufen

Nicht nur die erste Wahl eines Kandidaten der Linken ist ein historisches Ereignis für das traditionell konservative Land. Mit der 40-jährigen Afrokolumbianerin Francia Márquez wird erstmal eine schwarze Frau Vizepräsidentin in Kolumbien. Zusammen hat es das Kandidatenpaar offenbar geschafft, vor allem die Armen und Marginalisierten, junge Leute und Frauen für sich zu gewinnen - die "Nadies" - die "Niemande" der kolumbianischen Gesellschaft, wie Márquez sie nennt.

Die "Niemande" setzen sich durch

Kolumbien ist von extremen Unterschieden zwischen Arm und Reich, Stadt und Land geprägt - erst vor knapp sechs Jahren konnte die vorletzte Regierung ein Friedensabkommen mit der größten Guerillabewegung FARC abschließen. Auch Petro hat in seiner Jugend zwölf Jahre als Guerillero der Bewegung M-19 im Untergrund gelebt - bis heute war er deshalb für die städtische Mittelschicht unwählbar.

Doch dieses Mal haben sich die "Niemande" wie Janet Guerrero Diaz durchgesetzt: "Von Präsident Petro erhoffen wir, dass er wenigstens mehr als die Hälfte seiner Wahlversprechen erfüllt und das Land wirklich verändert", sagt sie. "Für mich persönlich ist sein Respekt gegenüber uns Frauen, gegenüber den Kindern und gegenüber den Tieren am wichtigsten. Bisher hat er seine Versprechen immer gehalten."

Der 58-jährige Augustín García hofft auf mehr sozialen Ausgleich mit Petro als Präsidenten und zählt dessen wichtigste Herausforderungen auf: "Die Kriminalität, der Hunger, die Armut - viele Menschen hier leiden und hungern, Kinder im Norden und im Osten, überall. Das ist traurig zu sehen, im 21. Jahrhundert, in einem so schönen Land voller Reichtümer."

 

"Wie reagiert Petro, wenn es nicht gut läuft?"

Schwerreich ist auch Rodolfo Hernández, der unterlegene Gegenkandidat in der Stichwahl. Der 77 Jahre alte Immobilienunternehmer hatte im ersten Wahlgang überraschend die Kandidaten der etablierten Parteien ausgestochen - Parteien, die sich seit Jahrzehnten an der Macht abgewechselt hatten.

Größter Verlierer dieser Wahlen sei das politische Establishment, räumte die konservative Journalistin Maria Andrea Nieto ein. Sie erinnert an die Ängste, die Petros Guerilla-Vergangenheit bei vielen bürgerlichen Wählern auslösten: "Petro und seine Leute stehen vor riesigen Aufgaben", sagt sie.

Und wie wird Petro reagieren, wenn die Sache nicht gut läuft? Und die Sachen laufen für einen regierenden Politiker nie gut. Dann werden wir sehen, ob wir in dem Paradies leben, das uns diese Kandidaten versprechen. Dann werden wir sehen, ob wir unter Linksextremisten leben müssen oder ob er dann weiter in die Mitte rückt und einen Ausgleich mit den Bedürfnissen der Wirtschaft, dem politischen System und der Gesellschaft sucht.

 

Staatspräsident verspricht geordnete Übergabe

Auch der scheidende Staatspräsident Ivan Duque dürfte das Wahlergebnis als eine Niederlage des Establishments betrachten. Am Morgen des Wahltages versprach er eine geordnete Amtsübergabe: "Wir haben eine der ältesten Demokratien des Kontinents. Eine gefestigte und lebendige Demokratie mit einer Tradition der friedlichen und geordneten Übergabe des Präsidentenamtes." 

Die Wahlsieger Petro und Márquez werden Anfang August die Macht übernehmen. Laut Verfassung kann Petro nur eine Legislaturperiode von vier Jahren regieren und danach nie wieder Präsident werden.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 20. Juni 2022 um 08:30 Uhr.