Erin O'Toole spricht auf einer Wahlkampfveranstaltung auf einem Flughafen in Chrono (Kanada) | REUTERS

Vorgezogene Wahl in Kanada O'Toole wittert seine Chance

Stand: 19.09.2021 06:28 Uhr

Kanadas konservativer Parteichef O'Toole macht sich Hoffnungen, die vorgezogenen Parlamentswahlen zu gewinnen. Er gibt sich als Macher, vertritt aber zugleich auch liberale Positionen - anders als viele Parteifreunde.

Von Peter Mücke, ARD-Studio New York 

Erin O'Toole fehlt eigentlich alles, was Justin Trudeau lange so stark gemacht hat: das Image des jugendlichen Polit-Popstars, die prominente Abstammung als Sohn des Langzeit-Premiers Pierre Trudeau - und nicht zuletzt das wallende Haar. Und doch könnte der Spitzenkandidat der Konservativen dem seit 2015 amtierenden Trudeau gefährlich werden.

Peter Mücke ARD-Studio New York

Das aber liegt weniger an O'Toole, sondern an der Entscheidung Trudeaus, eine vorzeitige Parlamentswahl auszurufen. Trudeau habe das nur getan, "um sich selbst mit einer Mehrheit zu belohnen", wirft ihm O'Toole auf Wahlkampfveranstaltungen vor. Und bereits jetzt habe Trudeau angekündigt, dass er in 18 Monaten wieder wählen lassen will, wenn es diesmal nicht klappt. "Kanadier haben etwas Besseres verdient", mein O'Toole.

Viel mehr muss er bei Wahlkampfauftritten eigentlich gar nicht sagen. Laut Umfragen halten zwei Drittel der Kanadier die vorgezogene Wahl für unnötig. Denn obwohl Trudeau seit knapp zwei Jahren einer Minderheitsregierung vorsteht, hat er doch mit Hilfe der Opposition seine wichtigsten Vorhaben durchbringen können, samt Haushalt und Corona-Maßnahmen.

Trotzdem setzte der liberale Regierungschef Mitte August siegesgewiss Neuwahlen an - und erwischte damit einen denkbar schlechten Zeitpunkt: "Mitten in der vierten Welle der Pandemie, während Waldbrände in British Columbia toben und die Aufgabe im Afghanistan noch nicht erledigt ist", wie O'Toole nimmermüde betont.

Mit dem Militär punkten

Wobei er zuletzt verstärkt auf das Thema Afghanistan setzt und dabei immer wieder darauf hinweist, selbst zwölf Jahre beim Militär gewesen zu sein. In Wahlkampfspots ist der heute 48-Jährige als junger Mann in Uniform zu sehen. Mit diesem patriotischen Macher-Image war es O'Toole schon 2020 gelungen, sich den Parteivorsitz zu sichern.

Mit dem Slogan "Take back Canada" schaffte er es, die Ultra-Konservativen hinter sich zu scharen. Um dann aber im Wahlkampf einen moderateren Kurs einzuschlagen. Er unterstütze die Rechte für Schwule und Lesben, erklärte er, sprach sich für das Recht von Frauen aus, frei darüber zu entscheiden, ob sie abtreiben. Und er versprach auch für die Abgeordneten seiner Partei, sicherzustellen, "dass wir immer eine respektvolle Debatte darüber führen".

Kanadas konservativer Parteichef O'Toole wendet in Calgary Pancakes. | REUTERS

Wer an dieser Herausforderung scheitert, muss mit Häme rechnen. Aber Erin O'Toole zeigt in Calgary: Pancakes kann er wenden Bild: REUTERS

Moderater als viele Konservative

Tatsächlich vertreten aber viele Parlamentarier seiner Partei andere Positionen. Auch beim Thema Klimawandel, den O'Toole mit einem Aktionsprogramm bekämpfen will, den einige konservative Kandidaten aber anzweifeln. Das bringt O'Toole immer wieder in Erklärungsnot.

Und so bekräftigt er: "Ich sitze am Steuer meiner Partei. Ich verteidige die Rechte aller Kanadier: Frauen, Mitglieder der LGBTQ-Gemeinschaft, indigene Kanadier. Ich will eine sichere Zukunft für alle."

Wer profitiert vom Wahlsystem?

Der Jurist O'Toole weiß, dass er auch Stimmen aus diesen Gruppen braucht, um Ministerpräsident werden zu können. In Umfragen sind die Konservativen zwar gleich auf mit Trudeaus Liberalen. In Kanada gilt aber, wie in den USA und in Großbritannien, das Mehrheitswahlrecht. Das heißt: den Parlamentssitz holt der, der den Wahlkreis gewinnt. Und da haben - wie schon 2019 - die Liberalen die Nase vorn.

Doch O'Toole bleibt optimistisch. Die einzige Abstimmung, die zählt, sei die am Wahltag. Er habe schon bei anderen Gelegenheiten hinten gelegen und dennoch gewonnen - "weil ich Erfahrung habe, Leute zusammenbringe und meine Aufgaben erledige".

 

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 18. September 2021 um 13:30 Uhr.

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Moderation 19.09.2021 • 16:20 Uhr

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