Rote Aids-Schleifen liegen auf einem Tisch.  | dpa

Aids-Konferenz in Montreal Die fast vergessene Epidemie

Stand: 29.07.2022 12:08 Uhr

Aids ist auch im Jahr 2022 ein globales Problem. Medikamente aber sind ungleich verteilt, teils mangelt es an Aufklärung und Therapieangeboten. Zudem hat die Corona-Pandemie den Kampf gegen die Krankheit ausgebremst.

Von Anne Schneider; ARD-Studio New York

"Wir sind mittlerweile gerade in den Industrienationen an einem Punkt, an dem sich eigentlich kein Mensch mehr mit HIV infizieren müsste." Das sagt der Transgender-Aktivist und Gesundheitsexperte Max Appenroth.

Denn neben Kondomen gibt es auch Medikamente, die - prophylaktisch genommen - eine Ansteckung zuverlässig verhindern. Dennoch nehmen die Infektionszahlen nicht so stark ab, wie sich das viele erhofft hatten.

1,5 Millionen neue HIV-Infektionen

Der Bericht, den das UN-Programm für die Bekämpfung von Aids im Vorfeld der heute beginnenden Konferenz in Montreal veröffentlicht hat, zählt 1,5 Millionen Menschen, die sich im vergangenen Jahr neu mit dem HI-Virus infiziert haben. Gestiegen sind etwa die Infektionszahlen in Osteuropa, in Teilen von Asien, Lateinamerika, im Nahen Osten und Afrika.

Und das habe einen Grund, sagt die junge US-Aids-Aktivistin Karen Dunaway-Gonzales: die Corona-Pandemie. Auf die sei niemand vorbereitet gewesen und sie habe alle Aufmerksamkeit und viele Ressourcen auf das neue Virus gelenkt. Weg von Aids.

Rückschritte für Frauen und Mädchen in Subsahara

Besonders bitter war das für junge Frauen und Mädchen in den Ländern südlich der Sahara. Durch die Schulschließungen fiel nicht nur der Sexualkundeunterricht aus. Auch die teilweise kostenlose Ausgabe von Verhütungsmitteln an den Schulen hat nicht mehr stattgefunden.

Wegen der wirtschaftlichen Not der Familien sei es zudem vermehrt zu Zwangsverheiratungen und Kinderehen gekommen, so die Entwicklungshilfeorganisation ONE. Das traurige Resultat: In den Subsahara-Staaten sind in der Altersgruppe der 15- bis 19-Jährigen sechs von sieben neuen HIV-Infektionen bei jungen Frauen aufgetreten. Nur eine bei einem jungen Mann.

Virusausbreitung auch in Industrienationen

Aber auch in den Industrienationen verbreitet sich das Virus immer noch, so Gesundheitsexperte Appenroth. "Es ist momentan so, dass HIV verstärkt in Communitys oder in Populationen auftritt, die sich leider seltener testen lassen", sagt er. "Nämlich eben auch bei heterosexuellen Menschen." Zumal während der Corona-Pandemie auch insgesamt weniger getestet wurde.

Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer in Montreal hoffen deshalb, dass durch die Konferenz HIV und Aids wieder in den Fokus geraten. Wenn nicht, koste das viele Menschenleben, so die Warnung des UN-Berichts.

Aber es geht natürlich nicht nur um Warnung und Mahnung, sondern auch um die Fortschritte, die die Forschung bei der Aids-Bekämpfung gemacht hat. Und die seien beachtlich, so Appenroth:

Menschen mit HIV können ja mittlerweile ein ganz normales Leben führen - mit der Ausnahme, dass sie eben ein paar Medikamente einnehmen müssen.

Medikamente reduzieren Viruslast

Das sind Medikamente, die die Virenlast im Körper so weit reduzieren, dass Infizierte andere Menschen nicht mehr mit dem HI-Virus anstecken können. Allerdings schlummert es immer noch in ihrem Körper. Dadurch altern sie schneller. Und: Wenn sie die Medikamente absetzen, flammt die Infektion wieder auf, sagt die Mikrobiologin Petronela Ancuta.

Die Professorin betreibt Grundlagenforschung an der Universität Montreal. Ihr Ziel: "Wir hoffen, dass wir Alternativen dazu finden. Denn die antivirale Therapie ist nicht perfekt. Sie löscht das Virus nicht völlig aus."

So wurde vor einiger Zeit etwa ein Medikament gegen Hepatitis-C entwickelt. Das müssen die Erkrankten ein paar Wochen nehmen, danach sind sie geheilt. Auf so einen Erfolg hoffen auch die Aids-Forscherinnen und -Forscher, die in Montreal zusammenkommen.