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Weltspiegel

Dancehall-Szene auf Jamaika "Wie Löwen, die ihr Opfer suchen"

Stand: 09.05.2021 08:06 Uhr

Jamaika ist berühmt für chilligen Reggae. Inzwischen hat aggressive Dancehall-Musik die Insel erobert - und die Mordrate schießt steil nach oben. Wie hängen Musik und Gewalt zusammen?

Von Xenia Böttcher, ARD-Studio Mittelamerika

Die Luft ist dick vom frisch gebauten Joint. Skillibeng lehnt sich nach einem tiefen Zug im Sessel seines Studios zurück und wirkt genervt. Das Thema des Interviews ist auch heute die Verbindung von Gewalt und der in Jamaika populären Dancehall-Musik, wie so oft in diesen Tagen. Skillibeng gilt derzeit als der populärste Künstler des Genres, sein neues Album ist just fertig.

Xenia Böttcher ARD-Studio Mexiko City

Dancehall ist auf den Straßen Jamaikas entstanden: Autos mit dicken Boxen spielen Musik, Männer, Frauen, Kinder scharen sich darum und beginnen zu tanzen. Die Musik hat oft schnelle Beats, meist Sprechgesang - und am populärsten sind Songs mit Musikvideos, die vor Gewalt nur so strotzen: in denen Menschen niedergeschossen werden oder geköpft, Frauen fast nackt tanzen, Drogen konsumiert und die Waffen in die Luft gereckt werden.

Eine Gangster-Phantasie, die Skillibeng perfekt zu bedienen weiß: "Wir sind Dancehall, wir sind die coolen Typen, die Starken, so überleben wir. Was ist Leben ohne Tod, was ist Leben ohne das Schlechte? Das Leben besteht aus Schlechtem und Gutem."

Gewaltausbrüche in der Pandemie

Jamaika ächzt unter einer extrem hohen Kriminalitätsrate, im Prinzip schon seit Jahrzehnten - doch während der Pandemie steuert die Karibik-Insel darauf zu, weltweit das Land mit der höchsten Mordrate per 100.000 Einwohner zu werden.

Und so ist Dancehall zu einem Streitthema in Medien und Gesellschaft geworden. Die Frage ist, ob die Gewalt in der Musik zu mehr Gewalt in der Realität führt - oder mindestens eine Kultur der Gewalt zementiert.

Ende März griff Jamaikas Premierminister Andrew Holness die Musiker frontal an: "Die Verfassung gibt Euch das Recht, darüber zu singen, aber Ihr habt auch eine Pflicht gegenüber den Kindern, die Euch zuhören. Es ist nicht richtig!", sagte er.

Bob Marley und seine friedfertigen Texte werden als Souvenirs an Touristen verkauft. | picture alliance / Global Travel

Bob Marley und seine friedfertigen Texte werden als Souvenirs an Touristen verramscht - Popularität genießen hingegen Dancehall-Musiker. Bild: picture alliance / Global Travel

"Arme töten Arme", sagt ein Rastafari

Die Musiker-Szene reagiert verärgert: Die Politik suche einen Sündenbock für ihr eigenes Versagen, meinen viele Künstler. Dancehall sei Kunst, ein Spiegelbild dessen, was im Land passiere, etwas, mit dem man Ruhm und Reichtum erlangen kann.

Skillibeng macht viele Lieder, aber die mit Gewalt verkaufen sich halt am besten, also liefert er: "Die Gewalt ist nicht unsere Schuld. Jemand wird erschossen, das ist nicht unsere Schuld", meint er. "Wenn ich singe: 'Ich schieße aus dem Auto und erschieße zehn Menschen', dann muss das nicht die Wahrheit sein. Es kann erfunden sein, es kann einfach Kunst sein, die zeigt, wie talentiert du im Texten bist."

"One Live - One Love": Auf Jamaika kann man T-Shirts mit dem Schriftzug kaufen, an so mancher Wand in Trenchtown verblassen dagegen die Bob-Marley-Wandmalereien. Für Touristen wäre es riskant, hier allein auf Erkundungstour zu gehen: Straßenzüge sind verbarrikadiert, innerhalb des Viertels herrscht Krieg. Hauptstraßen werden Fronten. "Stop da Killing", steht an einer Hausfassade. Arme töten Arme und sind gefangen in einem Teufelskreis der Gewalt, für den sich "die da oben" nicht interessierten, wie ein Rastafari sagt.

Peace Initiative | Xenia Böttcher, ARD-Studio Mexiko-Stadt

Andrew und seine Peace Initative versuchen, dem Kreislauf der Gewalt ein Ende zu setzen. Bild: Xenia Böttcher, ARD-Studio Mexiko-Stadt

Schutzlos ohne die Gang?

Wann es angefangen hat? Wohl als Parteien anfingen, Gangster zu bewaffnen, um an die Macht zu gelangen.

Musik könne an Emotionen rühren, ein Zünder sein an einem Pulverfass, aber die Wurzeln des Problems seien tiefer, meint Andrew. Er arbeitet bei der Peace-Management-Initiative, einer Organisation, die versucht, den Kreislauf der Gewalt zu durchbrechen, indem sie Gang-Mitgliedern Alternativen anbietet.

"Ich mache das hier nicht für Geld. Ich mache es, weil ich leben will", sagt er. "Ich komme aus einer Familie mit Tätern und Opfern von Gewalt. Wenn wir den Kreislauf nicht durchbrechen, wird auch die nächste Generation von Gewalt aufgefressen."

Das System in Jamaika sei fundamental ungerecht: Arme Kinder gehen zu Schulen, die schlecht ausgestattet sind. Nur etwa 20 Prozent machen einen Abschluss, der aber nichts taugt. Ohne Qualifikation gibt es keine Perspektive. Die jungen Männer haben Zeit, sie haben Hunger nach Anerkennung, Macht, und schlicht einem vollen Bauch: "Wenn du deinen Kindern kein Essen geben kannst", sagt Andrew, "dann hören sie nicht mehr auf dich. Sie müssen raus auf die Straße und Geld verdienen, wie es eben geht."

Es beginnt ein Kampf um Einfluss, um das Revier. Nachbarn werden zu Feinden. Ein Kreislauf aus Mord und Rache beginnt. Garfield nennt sich einen "Gunman", einen, der das Revier beschützt: "Wenn jemand einem der deinen was antut, dann spürst du unbändige Wut. Das kann ich nicht gut verdauen", beschreibt er. "Du musst zeigen, dass du dich verteidigen kannst, du musst zurückschlagen."

Ohne eine Gang sei das Viertel schutzlos, denn die Polizei kümmere sich nicht, meint Garfield: "Das System hat Tiere geschaffen, es macht uns zu Tieren! Wir sind wie Löwen, die ihr Opfer suchen. Das ist die Situation für uns Jamaikaner."

"Wer will schon wehrlos sein?"

In jedem Straßenzug klingt irgendwo die Dancehall-Musik und spielt den Soundtrack zum Leben. Doch so einige Lieder übertreffen gar die Realität. "Dancehall-Musik glorifiziert Gewalt, romantisiert sie, sie macht sie zum Teil unseres Wertesystems, bestimmt unseren Umgang miteinander", sagt Damian Hutchinson von der Peace-Management-Initiative. "Menschen wollen sich verteidigen können, und Dancehall sagt: Ich bin stärker, böser, ich verhandle nicht. Wenn du mich nicht respektierst, dann wehre ich mich." So werde aus Gewaltbereitschaft eine Lektion, die an jüngere Generationen weitergegeben werde.

"Wer will schon wehrlos sein, in der Musik oder der Realität? Wer will sich nicht verteidigen können oder schwach sein, körperlich, seelisch?", fragt Skillibeng, als er mit Freunden auf einem Parkplatz zu seiner Musik abtanzt. "Musik hilft dir dich aufzubauen, lässt dich mutig fühlen. Sie gibt dir Kraft."

Solange das das gewaltvolle Genre Dancehall gefragt ist, hat Skillibeng vor zu liefern.

Über dieses Thema berichtete das Erste im "Weltspiegel" am 09. Mai 2021 um 19:20 Uhr.

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Moderation 09.05.2021 • 17:36 Uhr

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