Kanada, Kamloops: Ein Stein mit der aufgemalten Botschaft "Every Child Matters" ist bei einem Mahnmal vor der ehemaligen Kamloops Indian Residential School zu sehen | dpa

Kinderleichenfunde in Kanada "Man kann die Wahrheit nicht mehr leugnen"

Stand: 28.07.2021 16:13 Uhr

Immer neue Funde von Leichen indigener Kinder haben einen Umbruch in der kanadischen Gesellschaft ausgelöst. Doch das Land ahnt, dass die Aufarbeitung der Vergangenheit immer noch am Anfang steht.

Von Carsten Schabosky, ARD-Studio New-York

Es ist eine Sensation: Anfang Juli wird Mary Simon zu Kanadas ersten indigenen General-Gouverneurin ernannt. Das kanadische Fernsehen übersetzt das Ereignis simultan: auf Inuktitut - der Sprache vieler Ureinwohner des Landes.

Carsten Schabosky

Gleich in Ihrer Antrittsrede erinnert Simon an das Top-Thema, das Kanada seit etwa zwei Monaten beschäftigt: "Die Entdeckungen anonymer Kinder-Gräber nahe eines ehemaliger Internats haben mich sehr erschreckt. Ich glaube, dass Versöhnung eine Lebenseinstellung ist. Jeden Tag muss daran gearbeitet werden."

Mary Simon | REUTERS

Mary Simon ist Kanadas erste indigene General-Gouverneurin Bild: REUTERS

Von Familien getrennt, in Internate gesteckt

"Viele Kinderleichen gefunden" - das war im Frühsommer die Breaking-News in Kanada. Auch etwa zwei Monate nachdem das Unfassbare ans Licht kam, steht Kanada unter Schock. In den vergangenen Wochen wurden die Überreste von fast 1000 Leichen von Kindern der kanadischen Ureinwohner gefunden, die meisten in der Provinz British-Columbia. Es kam zu Protesten, zwei Kirchen wurden niedergebrannt.

In Kanada waren zwischen 1830 und 1998 etwa 150.000 Kinder der Ureinwohner von ihren Familien getrennt und in Heime gesteckt worden. So sollte die Anpassung an die europäische Einwanderer-Gesellschaft erzwungen werden. Eveline Canelo war eines dieser Kinder: "Sie wollten das Indianische aus uns herausholen. Aber das haben sie nicht geschafft!"

Im ganzen Land gab es rund 140 solcher Einrichtungen, die häufig von Kirchen im Auftrag der kanadischen Regierung betrieben wurden. Florence Sparvier ist heute 80 Jahre alt und musste ebenfalls so eine Boarding School besuchen. Sie erzählt, dass Eltern, die sich weigerten, ihre Kinder auf die Internate zu schicken, sogar ins Gefängnis mussten.

Schüler der Red Deer Indian Industrial School in Alberta schreiben an eine Tafel - 1910. | AP

Etwa 140 Schulen für indigene Kinder gab es in Kanada, so wie die Red Deer Indian Industrial School in Alberta. Bild: AP

Gewalt und Unterdrückung

Viele der Kinder an diesen Schulen wurden Opfer von Misshandlungen und sexueller Gewalt. Garry Gottfriedson, ebenfalls ehemaliger Schüler, berichtet, dass diese sexuelle Gewalt vor allem Messdienern galt: "Das waren die, die für die Geistlichen besonders attraktiv waren. Wir haben uns immer gesagt: Sei ganz besonders böse, versuche möglichst niemals, Messdiener zu werden."

Er erinnert sich auch daran, wie brutal selbst die Nonnen in solchen Umerziehungs-Einrichtungen waren. Die Kinder durften ihre Muttersprache nicht sprechen:

Einmal schlug die Nonne, Schwester Mary-Bernadette, ein Mädchen, um sie zu zwingen, Englisch zu reden. Doch es konnte kein Englisch, weil es niemals weg von zu Hause war. Irgendwann brach es zusammen. Und verschwand.

Etwa 4100 Todesfälle sind dokumentiert. Viele Funde wurden erst durch den Einsatz von Bodenradaren gemacht. Die Dunkelziffer dürfte aber weit höher liegen.

"Leugnen nicht mehr möglich"

Schon seit 2008 war der Umgang mit indigenen Kindern in den Internaten Thema in Kanada. Zu dieser Zeit wurde auch eine entsprechende Wahrheits- und Versöhnungskommission eingerichtet. Aber dass dort auch Kinder sterben mussten, war nicht belegt.

Stephen Harper war 2008 kanadischer Premierminister. Er entschuldigte sich damals: "Der Umgang mit den Kindern der Ureinwohner an diesen Schulen war ein trauriges Kapitel in unserer Geschichte."

Eines, das viele nicht wahrhaben wollten. Doch das änderte sich vor zwei Monaten, meint Niigaan Siclair vom Departments of Native Studies an der Universität von Manitoba: "Als die Gräber entdeckt wurden, konnte man nicht mehr leugnen, dass die Überlebenden der Internate die Wahrheit gesagt hatten. Was sie über die Gewalt berichtet hatten oder darüber, was mit ihnen und ihren Freunden geschehen war. Sie haben nicht nur das Land der Ureinwohner gestohlen, sondern auch Kinder ermordet."

Druck auf katholische Kirche

Durch die Entdeckung der Leichen ist auch der Druck auf die katholische Kirche gestiegen. Der kanadische Premierminister Justin Trudeau verlangte immer wieder deutliche Worte aus Rom. Er sagte, er sei tief enttäuscht vom das Verhalten der Kirche. Vor einigen Jahren sei er selbst im Vatikan gewesen und habe Papst Franziskus gebeten, eine Entschuldigung oder eine Bitte um Vergebung zu prüfen, Entschädigungszahlungen oder wenigstens die Herausgabe von Dokumenten.

Doch eine echte Entschuldigung blieb bis jetzt aus. Siclair ist überzeugt: Auch wenn die kanadische Regierung alles tut, um eine Versöhnung mit den Ureinwohnern zu erreichen und auch wenn Mary Simon nun Kanadas erste indigene General-Gouverneurin ist - die Aufarbeitung dieser dunklen Zeit wird eine der zentralen Aufgaben des Landes bleiben. "Es gibt Armut, es gibt häufiger Drogenabhängigkeit und Gewalt und es gibt Vorurteile. Sie führen dazu, dass Ureinwohner häufiger ins Gefängnis müssen. All das hat auch mit den Internaten von damals zu tun."

Über dieses Thema berichtete Inforadio am 28. Juli 2021 um 15:30 Uhr.