Menschen gehen bepackt mit ihrem Hab und Gut unter dem Regen des Tropensturms "Grace" in ein Flüchtlingslager in Les Cayes. | AP

Nach Erdbeben in Haiti Tropensturm "Grace" verschärft die Lage

Stand: 17.08.2021 09:11 Uhr

Mehr als 1400 Menschen starben bei dem Erdbeben in Haiti vor wenigen Tagen - die Suche nach Überlebenden läuft. Nun droht sich die Lage weiter zu verschärfen: Der Tropensturm "Grace" brachte starke Regenfälle.

Von Anna Hanke, ARD-Studio Mexiko-Stadt

Die Stadt Les Cayes liegt im Süden von Haiti. Die rund 100.000 Einwohner wurden besonders stark von dem Beben am vergangenen Wochenende getroffen. Die Krankenhäuser sind überlastet, wie eine Anwohnerin erzählt: "Wir waren zu Hause, als die Erde bebte. Einige ältere Menschen haben es nicht raus geschafft, sie waren unter den Trümmern. Mein Vater hat sich beide Beine und meine Schwiegermutter ein Bein gebrochen. Wir sind am selben Tag zum Krankenhaus gegangen, aber da waren nicht genug Ärzte, um sie zu behandeln. Sie leiden. Ich weiß nicht, was ich tun soll."

Mehr als 1400 Tote, fast 7000 Verletzte, so sieht die vorläufige Bilanz des haitianischen Katastrophenschutzes aus. Es wird befürchtet, dass die Zahl der Toten noch weiter steigt. Und Hilfe kommt nur schwer in die Krisenregion.

"Eine logistische Herausforderung"

Ein Hubschrauber des Welternährungsprogramms fliegt Helfer ein. Auf dem Landweg sind viele Gebiete nur schwer zu erreichen. Viele Straßen sind noch immer verschüttet. Durch Erdrutsche seien sie manchmal über hunderte Meter blockiert, erzählt Thomas Huefken am Telefon. Er ist für die US-amerikanische Hilfsorganisation CORE in Les Cayes im Einsatz.

"Wir haben Radlader und Bagger. Die Techniker haben sie am selben Tag angemietet und auf den Weg geschickt, die sind also direkt nach dem Erdbeben angekommen", sagt Huefken. "Wir sind alle darauf angewiesen, mit Hubschraubern und kleinen Flugzeugen das Material hierher zu bringen. Das ist natürlich eine logistische Herausforderung."

Die Aufgabe droht jetzt noch schwieriger zu werden: Tropensturm "Grace" zog genau über das Krisengebiet. Er verursachte starke Regenfälle in der betroffenen Region. In einer Notunterkunft im Ort Les Cayes stand das Wasser knöchelhoch, wie auf Fotos zu sehen war. Völlig durchnässte Menschen suchten das Camp auf, ihr Hab und Gut teils in Säcken auf dem Kopf tragend. Das US-Hurricane-Center warnte besonders für Haiti vor weiteren Erdrutschen.

Mehr als 80.000 Häuser zerstört oder beschädigt

Für die Menschen dort ist die Lage dramatisch, so Huefken: "Man muss ja auch sehen, dass die Menschen traumatisiert sind und viele von denen alles verloren haben und auch viele ihr Leben verloren haben - und jetzt kommt zwei Tage später die nächste Katastrophe", sagt Huefken. "Das ist natürlich hart für jeden Einzelnen und auch für die ganze Region."

Viele Menschen übernachten auf der Straße, sie haben keine Wohnung mehr. Wie die Katastrophenschutzbehörde auf Twitter mitteilte, sind nach aktuellen Zählungen mehr als 80.000 Häuser zerstört oder beschädigt worden.

Huefken lebt schon lange in Haiti. Er hat auch nach dem schweren Erdbeben von 2010 geholfen, bei dem mehr als 200.000 Menschen ums Leben gekommen waren. Und er hat gesehen, wie das Land eine Krise nach der anderen durchmacht. "Gerade die Region hier im Süden war 2016 schwer betroffen von dem Hurricane 'Matthew', wo wir dann auch zwei Jahre lang Häuser gebaut und Dächer repariert haben", sagt er. "Dann war das 2019 fertig und jetzt zwei Jahre später schon wieder die nächste Katastrophe."

Zu den Naturkatastrophen kommt die politische Instabilität. Anfang Juli wurde Präsident Jovenel Moïse ermordet, rivalisierende kriminelle Banden sorgen für weitere Unsicherheit.

Über dieses Thema berichtete MDR Aktuell Radio am 17. August 2021 um 08:38 Uhr.