Jovenel Moïse

Mord an Haitis Präsident "Eine barbarische Tat"

Stand: 07.07.2021 18:58 Uhr

Nach dem Anschlag auf Haitis Präsidenten Moïse sind die Hintergründe weiter unklar. Der Mord geschah zu einer Zeit, in der die Gewalt im Land ohnehin eskaliert und Kriminelle ganze Teile der Hauptstadt kontrollieren.

Von Anne Demmer, ARD-Studio Mexiko-Stadt

Die Straßen sind laut Bewohnern der Hauptstadt Port-au-Prince wie leer gefegt. In der Nacht wurde Präsident Jovenel Moïse in seiner Privatresidenz in Port-au-Prince ermordet.

Anne Demmer

Laut Interims-Ministerpräsident Claude Joseph sollen die Täter spanisch gesprochen haben. In den Nachrichten wird er über das Telefon geschaltet: "Wir verurteilen diese barbarische Tat, die Ermordung des Präsidenten", sagt Joseph. "Wir rufen die Bevölkerung dazu auf, Ruhe zu bewahren. Die Polizei hat die Sicherheit im Land unter Kontrolle."

Helfer berichten von willkürlicher Gewalt

Wer tatsächlich hinter der Tat steckt, ist unbekannt. Auch die genauen Umstände. Die Rede ist bislang nur von einer Gruppe von Angreifern. Seit Wochen eskaliere die Gewalt in der Hauptstadt von Haiti, erklärt Annalisa Lombardo, Leiterin der Welthungerhilfe von Port-au-Prince. "Ganze Stadtteile stehen unter der bewaffneten Kontrolle von den kriminellen Banden", sagt sie. "Die Gewalt ist teilweise willkürlich. Erst letzte Woche haben sie einfach auf Menschen auf der Straße geschossen, in dieser Nacht wurden auch zwei Journalisten getötet."

"Es ist unheimlich ruhig"

Konkurrierende Banden kämpfen um ihren Einflussbereich in der Stadt. Auch Lombardo spricht von einer gespenstischen Stille in Teilen von Port-au-Prince. "Es ist unheimlich ruhig, es gibt nur wenige Menschen auf der Straße. In den Medien sieht man brennende Autoreifen in der Nähe des Präsidentenpalasts. Aber brennende Reifen gehören hier tatsächlich mittlerweile zum Alltag, das ist auch nichts Besonderes. Wir müssen wirklich abwarten. Es ist schwierig zu sagen, wie sich die Dinge hier entwickeln."

Präsident Moïse hatte jüngst mehr Engagement der internationalen Gemeinschaft sowie aller Sektoren der Gesellschaft gegen die Unsicherheit gefordert. Ihm selbst wurden Korruption und enge Verbindungen zu kriminellen Banden vorgeworfen.

Immer wieder kam es zu Protesten gegen ihn. Seit fast zwei Jahren regierte er per Dekret. Nach Lesart der Opposition hätte Moïse im Februar sein Amt räumen müssen. Er wollte jedoch ein umstrittenes Verfassungsreferendum und Wahlen im September auf den Weg bringen und danach im kommenden Februar abtreten.

Nahezu leere Straße in Port-au-Prince in der Nähe des Präsidentenpalastes | AFP

Nahezu leere Straße in Port-au-Prince in der Nähe des Präsidentenpalastes. Bild: AFP

Vier Regierungschefs innerhalb von sieben Jahren

Erst am vergangenen Montag hatte er die Ernennung des neuen Regierungschefs Ariel Henry bekanntgegeben, der Claude Joseph nach nur drei Monaten im Amt ablösen sollte. Joseph hat allerdings seinen Platz offenbar noch nicht geräumt. Moïse hatte den Regierungschef des Landes innerhalb von vier Jahren sieben Mal ausgewechselt. Die Regierung sei sehr fragil, so Lombardo.

"Eine politische Figur, die das Land einen könnte, gibt es nicht", sagt die Leiterin der Welthungerhilfe. "Es gibt niemanden, der in der Lage ist, das Land zu führen. Es gibt viele Gerüchte. Es ist unklar, was jetzt passiert. Seit drei Jahren befindet sich das Land bereits in dieser Krise."

Währenddessen hat das Nachbarland die Dominikanische Republik die Grenze wegen der angespannten politischen Lage dicht gemacht.

Über dieses Thema berichtete am 07. Juli 2021 die tagesschau um 17:00 Uhr und BR24 um 18:07 Uhr.