Proteste in Minneapolis an der Stelle, wo George Floyd getötet wurde. | AFP

Jahrestag von George-Floyd-Tod Was ist aus dem Protest geworden?

Stand: 25.05.2021 03:38 Uhr

Ein Jahr ist es her, dass der Afroamerikaner George Floyd von einem weißen Polizisten ermordet wurde. Der Fall löste in den USA große Proteste aus. Was ist aus der Bewegung geworden?

Von Torsten Teichmann, ARD-Studio Washington

Jessica Fortune Barker organisiert Protest. Die politische Aktivistin aus Huntsville, im Bundesstaat Alabama, setzt sich zum Beispiel dafür ein, dass alle Amerikaner ohne Hindernisse bei Wahlen ihre Stimme abgeben können.

Torsten Teichmann ARD-Studio Washington

Unterstützung bekomme sie dafür nicht länger nur von schwarzen Amerikanern, sondern auch von weißen Verbündeten - "Allies" wie Jessica sie nennt.

Ich denke, dass eine neue Beziehung entsteht, dass wir wieder Vertrauen gewinnen zwischen weißen und schwarzen Amerikanern. Und dieser Zusammenhalt wird das Blatt wenden. Diese Einigkeit ist es, vor der sich weiße Nationalisten tatsächlich fürchten.

Seit dem Mord an George Floyd durch den ehemaligen Polizisten Derek Chauvin habe sich etwas verändert in den USA, sagt die 36-Jährige. Auch wenn die Demonstrationen im Land vergleichsweise kleiner geworden sind.

Veränderung trotz abebbender Proteste?

Sprechchöre, Plakate und abgesperrte Straßen. In der Innenstadt von Minneapolis wird seit dem Wochenende wieder protestiert. Ein Jahr ist seit dem gewaltsamen Tod von George Floyd vergangenen, sagt dessen Schwester, Bridget auf einer Kundgebung, die im Fernsehen übertragen wird.

Das Jahr fühlte sich lang an. Das Jahr war eine schmerzvolle Zeit. Es war entmutigend für mich und meine Familie.

Der Protest in Minneapolis und anderen Städten ist nicht mehr spontan, wie nach den Bildern vom Mord an George Floyd. Er wird stattdessen sehr stark von Hinterbliebenen der Opfer von Polizeigewalt getragen. Außerdem von ganz unterschiedlichen Organisationen, Politikern und Aktivisten unter dem Motto "Black Lives Matter".

Ständige Anstrengung

Menschen zu mobilisieren bedeute permanente Anstrengung, sagt Jessica Fortune Barker aus Alabama. Doch aus Sicht der 36-Jährigen gibt es zu ihrer Arbeit als politische Aktivistin keine Alternative.

Wir können nicht einfach dastehen und andere entscheiden für uns, wie wir zu leben haben. Mindestlohn, Gesundheitsversorgung, wir kämpfen darum, dass die  Krankenversicherung in Alabama erweitert wird - dafür braucht es schon eine Bewegungen rund um die Uhr, damit wir in unserer Gemeinschaft das erreichen, was wir erreichen wollen.

Barker und ihre Mitstreiterin Arnee Odom konzentrieren sich auf das Wahlrecht in den USA. Das allein reiche aber nicht aus, sagt Odom nachdenklich.

Wenn wir wählen gehen und doch nur das System aufrechterhalten, das nichts für uns tut? Wenn wir Leuten bitten, deren Viertel wie Müll ausschaut, wählen zu gehen? Dabei bräuchten die erstmal Essen auf dem Tisch. Aber wenn Unternehmen anfangen, ihr Geld anders in der Politik einzusetzen, dann verändern wir das Land.

Krasse Ungleichheit schwer auszugleichen

Die Forderungen nach Veränderung in der US-Gesellschaft, der Wirtschaft und nach einem Ende der krassen Ungleichheit im Land gehen bei schwarzen politischen Aktivisten häufig über das hinaus, was weiße Amerikaner - aus ihrer Sicherheit heraus - bereit sind zu riskieren.

Genau an dem Punkt setzen Verfechter des Status Quo, die Gegner von Veränderung ihre Hebel an. Ein Jahr nach dem Mord an George Floyd ist deshalb noch nicht klar, welche Richtung die US-Gesellschaft letztendlich einschlägt. 

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk Kultur am 25. Mai 2021 um 05:20 Uhr.