Der US-Autor Eric Carle ist tot. | AP

"Raupe Nimmersatt"-Autor Carle gestorben Viel Farbe gegen dunkle Erinnerungen

Stand: 27.05.2021 10:14 Uhr

Millionen Kinder weltweit lieben die Geschichte der "Raupe Nimmersatt". Jetzt ist ihr Erfinder - der in Deutschland aufgewachsene US-Autor Eric Carle - im Alter von 91 Jahren gestorben.

Claudia Sarre, ARD-Studio Washington

Am Samstag frisst sich die Raupe durch ein Stück Schokoladenkuchen, eine Eiswaffel, eine saure Gurke, eine Scheibe Käse, ein Stück Wurst, einen Lolli und und und. Autor Eric Carle liest vor aus seinem Bilderbuch "Die kleine Raupe Nimmersatt". Generationen von Kindern haben die Fressorgie der grünen Raupe mit dem roten Kopf verfolgt und miterlebt, wie diese sich schließlich in einen wunderschönen Schmetterling verwandelt.

Claudia Sarre ARD-Studio Washington

Nachdem das Buch 1969 in den USA erschienen war, trat es einen Siegeszug um die Welt an, wurde über 50 Millionen Mal verkauft und in über 60 Sprachen übersetzt. Carle konnte sich den Erfolg seines Buches nie so recht erklären. In einem NPR-Interview von 2007 sagte er, er habe keine Ahnung, warum die Raupe so sehr geliebt wird.

"Vier Schubbladen mit Rottönen"

Die Kinderbücher von Carle handeln oft von Tieren: von Spinnen, Käfern, Chamäleons, aber auch von Bären, Löwen und Affen. Seine Illustrationen sind collagenhaft und oft unkonventionell bunt. Farben seien sein Leben - so der Künstler auf NPR.

"Ich habe vier Schubladen mit Rottönen, zwei mit Blau, zwei mit Gelbtönen, fünf mit anderen Farben", sagte Carle. "Kinder schreiben mir oft und fragen mich, welches meine Lieblingsfarbe ist. Und mittlerweile glaube ich, dass Gelb meine Lieblingsfarbe ist. Weil es die schwierigste Farbe ist."

Familie zog nach Nazi-Deutschland

Die Farben seien eine Art Gegenmittel zu den düsteren Erinnerungen seiner Kindheit, erzählte Carle immer wieder in Interviews. 1935 war er als Sechsjähriger mit seinen Eltern - die ursprünglich als Immigranten in die USA gekommen waren - nach Nazi-Deutschland gezogen. Offenbar, weil seine Mutter Heimweh hatte.  

"Während des Kriegs gab es keine Farben. Die Leute hatten nichts Farbenfrohes an. Alles war grau und braun. Die Häuser waren in Tarnfarbe gestrichen. Braungrün und graugrün und braungrau", so Carle. "Erst nach dem Krieg wurde ich mehr mit abstrakter Kunst vertraut. Und vor allem mit den Impressionisten. Farbe, Farbe, Farbe!"

Eines seiner Vorbilder war der Expressionist Paul Klee. Nach seinem Abschluss an der Kunsthochschule in Stuttgart kehrte Carle zurück in die USA. Viele Jahre lebte er in New York, arbeitete als Grafikdesigner bei der "New York Times" und in der Werbung, bis er schließlich mit über 40 Jahren anfing, Kinderbücher zu illustrieren. 

"Ein Buch der Hoffnung

Noch bis ins hohe Alter malte und wirkte Carle abwechselnd in Key West, Florida und in seinem Sommerhaus in den Berkshires in Massachusetts. Für den Erfolg der kleinen nimmersatten Raupe hatte er am Ende dann doch eine Erklärung:

Ich glaube, es ist ein Buch der Hoffnung. Dass du kleines unbedeutendes hässliches Ding dich in einen wunderschönen Schmetterling verwandeln kannst, deine Flügel und dein Talent entfalten und in die Welt fliegen kannst.

Nach Auskunft seines Sohnes ist Carle friedlich eingeschlafen. In einem Monat wäre er 92 Jahre alt geworden.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 27. Mai 2021 um 04:57 Uhr sowie Inforadio um 06:34 Uhr.