Dom Phillips (Bild vom 14.11.2019) | AFP

Recherchen in Amazonien Britischer Journalist in Brasilien vermisst

Stand: 09.06.2022 01:16 Uhr

Der britische Journalist Dom Phillips und Bruno Pereira, ein einheimischer Aktivist für Ureinwohnerrechte, werden seit Tagen im brasilianischen Amazonasgebiet vermisst. Ein Kollege fürchtet um das Leben der beiden.

Von Kai Laufen, ARD-Studio Rio de Janeiro

Seit 15 Jahren lebt der britische Journalist Dom Phillips in Brasilien und berichtet für den "Guardian", die "New York Times" und andere internationale Medien - vor allem über den Amazonasregenwald. Für Recherchen hatte er sich vergangene Woche dem Brasilianer Bruno Pereira angeschlossen, der die Region des Javarí-Tals besonders gut kennt.

Kai Laufen

In dieser Grenzregion zu Peru und Kolumbien hatte Pereira viele Jahre für die staatliche Ureinwohnerbehörde Funai gearbeitet. Sein Aufgabengebiet: Schutz der Völker, die hier so gut wie ohne Kontakt mit der brasilianischen Wirklichkeit außerhalb des Regenwalds leben.

Die Funai wurde unter der aktuellen Regierung Brasiliens in ihren Mitteln und Möglichkeiten ausgebremst. So arbeitete Pereira zuletzt als Berater für die Univaja, die Vereinigung der Völker des Javarí. Die Univaja betreibt ein Netz von Überwachungsposten, die Pereira regelmäßig besucht.

Dom Phillips spricht mit zwei indigenen Männern in Aldeia Maloca Papiú im Bundesstaat Roraima/Brasilien. (Bild vom 16.11.2019) | AFP

Dom Phillips berichtet über englischsprachige Medien aus dem Amazonasregenwald und die Rechte Indigener. Bild: AFP

Drohungen durch Bewaffnete

Mit einem offenen Boot mit Außenbordmotor und 70 Litern Benzin waren die beiden vergangene Woche von der Kleinstadt Atalaia do Norte aus aufgebrochen und hatten mehrere Posten angelaufen. Am Samstag, als sie schon auf dem Rückweg waren, seien sie von drei bewaffneten Männern bedroht worden, berichtete ein Sprecher der Univaja. Am Sonntagmorgen wurden sie zuletzt gesehen, rund drei Bootsstunden von Atalaia entfernt, wo sie aber nicht ankamen. Noch am Sonntagnachmittag machte sich ein Suchtrupp der Univaja auf den Weg - erfolglos.

Antentor Vaz, ein langjähriger Kollege Pereiras, fürchtet nun um die Leben der beiden. Denn in der abgelegenen Region im Grenzgebiet zu Peru und Kolumbien kooperieren seit einigen Jahren illegale Holzfäller, Fischer und Goldsucher mit der Organisierten Kriminalität. Drogenschmuggler nutzen Routen innerhalb des Urweinwohnerlandes, um Kokain von Peru nach Brasilien und Kolumbien zu bringen.

Karte: Brasilien mit Javari-Tal

Vaz macht dafür auch Brasiliens Präsident Jair Bolsonaro verantwortlich: Dieser heize die gefährliche Entwicklung selbst an, indem er dem Drogenhandel sowie der illegalen Ausbeutung von indigenem Land das Wort rede.

Begegnung mit Bolsonaro

Tatsächlich hatte Phillips schon vor rund drei Jahren eine Begegnung mit Präsident Bolsonaro: Bei einem Pressegespräch mit ausländischen Journalisten fragte der "Guardian"-Reporter, wie Bolsonaro gegen den illegalen Holzeinschlag vorgehen wolle. Bolsonaros Antwort: "Der Amazonas gehört Brasilien, nicht Ihnen."

Die Medien würden Lügen über den Raubbau verbreiten, tatsächlich bewahre Brasilien "mehr als alle anderen". Die offiziellen Daten seiner Regierung sprechen allerdings von einem massiven Anstieg der Abholzung seit Bolsonaros Amtsantritt.

Suche begann erst später

Über diese Entwicklungen und ihre Hintergründe wollte Phillips ein Buch schreiben. Freunde und Angehörige fürchten nun, dass ihm diese Recherchen zum Verhängnis geworden sein könnten. Am Montag berichtete der britische "Guardian" über den ungeklärten Verbleib seines Mitarbeiters, am Dienstag zogen brasilianische Medien nach, verbunden mit Kritik am zuständigen Militärkommando. Denn statt sofort die Suche aufzunehmen, hatte dieses in einer öffentlichen Stellungnahme zunächst darauf verwiesen, auf einen Einsatzbefehl von der Zentralregierung zu warten.

Ein Suchtrupp im Amazonas-Regenwald. | via REUTERS

Ein Suchtrupp sucht nach Dom Phillips und Bruno Pereira, die im Javari-Tal verschwunden sind. Bild: via REUTERS

In einem Fernsehinterview warf Bolsonaro den beiden Vermissten indirekt vor, sich einem großen Risiko ausgesetzt zu haben: "Zwei Personen auf einem Boot, in einer solchen wilden Region - das ist ein Abenteuer, das nicht zu empfehlen ist. Es kann alles passieren. Es könnte ein Unfall gewesen sein, es könnte sein, dass sie hingerichtet wurden."

Über dieses Thema berichtete NDR Info am 09. Juni 2022 um 11:00 Uhr.