Ein Junge wird für eine Prozession in Granada, Niacaragua vorbereitet | AFP

Ostern in Lateinamerika Ein Land ignoriert Corona

Stand: 02.04.2021 11:44 Uhr

Die aufwändigsten Osterprozessionen der Welt finden nicht in Rom statt, sondern in Lateinamerika - normalerweise. Denn auch dort ist in Zeiten von Corona vieles anders. Ein Land tut allerdings so, als gäbe es keine Pandemie.

Von Markus Plate, ARD-Studio Mexiko Stadt

Bis zu 150 Schultern tragen in normalen Zeiten majestätische Altäre über riesige Blütenteppiche die Straßen entlang, darauf die meterhohen, teils Jahrhunderte alten Figuren Jesu Christi, Marias, Josefs, und Maria Magdalenas. Guatemalas Osterprozessionen sind in normalen Zeiten mit die wichtigsten, größten und aufwändigsten der katholischen Welt.

Doch auch für dieses Jahr wurden alle Umzüge schon vor Monaten von Erzbischof Gonzalo de Villa abgesagt. "Wir rufen alle Bruderschaften auf, dass sie ihrer Kreativität freien Lauf lassen, um die Umzüge virtuell stattfinden zu lassen, mit ihrer Tradition und Geschichte und den bei uns Cucuruchos genannten Trägern, weil wir leider auch im Jahr 2021 nicht die gewohnten Prozessionen durchführen können", so der Bischof.

Gläubige warten mit Abstand vor der Kirche La Merced in Guatemala | AFP

Ein ungewöhnlicher Palmsonntag in Guatemala: Gläubige warten mit Abstand und Maske vor der Kirche La Merced. Bild: AFP

Straßenverkäufer machen kein Geschäft

Die Palmsonntagsprozession fand deshalb nur mit ein paar Dutzend Trägern mit Mundschutz und Miniaturaltären innerhalb der Kirche La Merced statt. Nicht nur für viele Gläubige und traditionsbewusste Guatemalteken ist die erneute Absage der Prozessionen in Guatemala-Stadt oder der einstigen kolonialen Hauptstadt Antigua ein Trauerspiel.

Tausende Straßenverkäufer müssen erneut auf das Geschäft des Jahres verzichten. Auch das Gastgewerbe leidet. Die "heilige Woche" ist gleichzeitig Haupturlaubszeit, doch alle Feiern sind verboten, an den Stränden an Pazifik und Karibik dürfen sich nur 100 Menschen gleichzeitig aufhalten.

Der Kreuzweg ohne Zuschauer

Im riesigen Viertel Iztapalapa in Mexiko-Stadt pilgern normalerweise bis zu zwei Millionen Menschen zum Cerro de la Estrella, um die Kreuzigung Jesu mitzuerleiden. Doch schon zum zweiten Mal dürfen die Schauspieler den Kreuzweg nur im kleinen Kreis im Innenhof der Kathedrale von Iztapalapa darstellen.

Der gerade 20-jährige Brandon Rodrigo ist dieses Jahr der aus hunderten Bewerbern ausgewählte Jesus. Schon seine Eltern und Großmutter haben beim Christus von Iztapalapa mitgespielt. Bei den Proben trägt er das 95 Kilo schwere Kreuz wie alle seine Vorgänger. Er selbst hätte natürlich gerne vor großem Publikum gespielt. Sein Glauben aber benötige dies nicht.

Brandon Rodrigo, Jesus-Darsteller bei der Prozession von Iztapalapa, bei einer Kleiderprobe. | EPA

Brandon Rodrigo, Jesus-Darsteller bei der Prozession von Iztapalapa, bei einer Kleiderprobe. Bild: EPA

Ein Gebet für die Kämpfer gegen Covid-19

"Am Vorabend der Kreuzigung Jesu beten wir das Vaterunser, für uns Katholiken ein sehr wichtiges Gebet. Für mich ist das eine Opfergabe für alle Familien die einen lieben Menschen, einen Angehörigen oder Freund verloren haben. Und ich widme mein Gebet allen, die an vorderster Front gegen Covid 19 kämpfen", so der 20-Jährige.

1833 waren fast die Hälfte der Menschen des Viertels der Cholera zum Opfer gefallen. Die Überlebenden sollen die Tradition der Passionsspiele gegründet haben, um ein Ende der Epidemie zu erbitten. Dieser Gründungsmythos ist plötzlich wieder hochaktuell.

6000 Veranstaltungen in Nicaragua

Nur Nicaragua fordert auch an Ostern Covid heraus - mit insgesamt 6000 von der Regierung des Präsidenten und ehemaligen Revolutionsführers Daniel Ortega organisierten oder autorisierten Veranstaltungen. Schon am vergangenen Wochenende habe die Polizei eine halbe Millionen Teilnehmer an touristischen, religiösen und kulturellen Veranstaltungen gezählt.

Rosario Murillo, Ortegas Ehefrau und mächtige Vizepräsidentin Nicaraguas, ist seit Langem dafür bekannt, Spiritualität mit dem sozialistischen Erbe der Sandinisten zu versöhnen. Das gilt gerade auch für die Osterzeit.

Die Prozession "Los Encadenados" in Masatepe, Nicaragua | EPA

In Nicaragua finden auch im Jahr 2021 viele Prozessionen statt, wie hier in Masatepe. Bild: EPA

"Das zeigt, wie mächtig unser Glauben ist"

"Dies sind Tage, an denen wir in so vielen Formen unserem Glauben Ausdruck verleihen und der Hoffnung, die mit der Auferstehung verbunden ist", sagt Murillo. "Hunderte Prozessionen, virtuelle, reale und an den Kirchen, Tausende Gottesdienste, zu Hause, in den Vierteln, in evangelikalen Kirchen, Nachtwachen, all das zeigt, wie mächtig unser Glauben ist."

Während die meisten Länder der Region ihre Passionsspiele also auch dieses Jahr nur virtuell stattfinden lassen, scheint Nicaraguas Regierung den Menschen eher Normalität vorspielen zu wollen.

Über dieses Thema berichtete MDR Aktuell am 02. April 2021 um 19:21 Uhr.