Gabriel Boric | EPA

Chiles neuer Präsident Boric Ein Linker neuen Typs

Stand: 11.03.2022 22:01 Uhr

Der neue, frisch vereidigte Präsident Chiles heißt Boric und ist 36 Jahre alt. Er will eine neue Verfassung erarbeiten und den Neoliberalismus im Land beenden. Doch Chiles soziale Probleme sind in der Pandemie noch gewachsen.

Von Anne Herrberg, ARD-Studio Rio de Janeiro

In Chile ist der Linkspolitiker Gabriel Boric als neuer Präsident vereidigt worden. Im Wahkampf kletterte er auf Bäume, er trägt keine Krawatte, dafür einen Vollbart und Tattoos. Statt wie seine Vorgänger in abgeschiedenem Luxus zu wohnen, wird er in den Barrio Yungay ziehen, ein Multikulti-Viertel von Santiago mit marodem Charme. Das zukünftige Haus des Staatschefs war früher ein Hostel.

Anne Herrberg ARD-Studio Rio de Janeiro

Straßenmusiker Felipe Fuentes freut sich auf seinen neuen Nachbarn: "Ich bin gespannt, ich habe den Boric gewählt. Das hier ist ein Viertel der Arbeiterklasse, hier gibt es Tattoo-Studios, Werkstätten, Frisörläden. Hier leben viele Migranten, Venezolaner, Kolumbianer. Das Viertel spiegelt die Wirklichkeit unseres Landes wider."

Große soziale Probleme im Land

Gabriel Boric weiß um die Symbolik. Seine politische Karriere hat viel damit zu tun, dass die Politiker Chiles die Realität des Landes zunehmend aus dem Blick verloren haben. Nicht sahen, wie im wirtschaftlichen Vorzeigeland immer mehr Menschen abgehängt wurden - weil Bildung, Wohnungen und Gesundheit unbezahlbar wurden, während die Löhne und Renten schrumpften.

Es war der Grund für die massiven Sozialproteste im Jahr 2019. Boric steht für den Reformprozess, der damals angestoßen wurde - und für einen Generationswechsel. 36 Jahre alt ist er und damit der jüngste Präsident in Chiles Geschichte.

"Habt keine Angst vor der Jugend, wir haben die Erfahrung derer, die vor uns gekämpft haben. Wenn Chile die Wiege des Neoliberalismus war, dann kann es auch das Grab sein. Aber eines auf dem alle Blumen blühen", sagte Boric.

Boric arbeitet seit 2019 an einer neuen Verfassung

Gegen den Neoliberalismus, ein Erbe der Pinochet-Diktatur, setzte sich Boric zuerst als Studierendenführer, dann als Abgeordneter ein. Inmitten der Straßenproteste 2019 brachte er das Referendum für eine neue Verfassung mit auf den Weg. Nun will er das Land umbauen.

Die einen feiern den Hoffnungsträger, der erzkonservativen anderen Seite fuhr der Schreck in die Knochen: Droht Chile nun der Kommunismus?

Nein, sagt Politikwissenschaftler Jaime Baeza. "Es ist ein Fehler, ihn der Linken des sogenannten Sozialismus des 21. Jahrhunderts zuzuordnen. Boric ist kein Maduro, kein Ortega, im Gegenteil, er kritisiert die Regimes. Er ist ein Linker neuen Typs, mit anderen Themen, die man in Deutschland als sozialdemokratisch beschreiben würde." 

Mehr Frauen als Männer im Kabinett

Soziale Gerechtigkeit, Klimaschutz, Gleichberechtigung. 14 seiner 24 Minister sind Frauen. Eine Klimawissenschaftlerin besetzt das Umweltministerium, eine Feministin das Frauenministerium und das Verteidigungsministerium Maya Fernández Allende, Enkelin des beim Militärputsch 1973 verstorbenen Präsidenten Salvador Allende. Wie gesagt, Boric weiß um die Kraft der Symbolik. Sein Problem ist eher: Kann er dem Bild des Hoffnungsträgers überhaupt gerecht werden?

Seine Koalition ist ein breites Bündnis, aber es hat keine Mehrheit im Kongress. Das heißt, er muss Bündnisse schmieden.

Die größte Herausforderung stellt die neue Verfassung dar. Boric muss ein Projekt gangbar und umsetzbar machen, das aus der verfassungsgebenden Versammlung hervorgeht und ein Referendum besteht. Und da gibt es große Fragezeichen.

Pandemie hat soziale Krise verstärkt

Fragezeichen vor allem, was die radikale Reform des Wirtschaftsmodells Chiles angeht - denn viel Spielraum hat die neue Regierung nicht. Sie erbt eines der größten Haushaltsdefizite der vergangenen Jahre, die Pandemie hat die soziale Krise im Land verstärkt, die Klimakrise spitzt sich zu - dazu kommt nun die neue geopolitische Lage.

Ein Zeichen an die Märkte hat der junge Linke bereits gesandt: Für die Finanzen wird Mario Marcel zuständig sein, bis zuletzt war er Präsident der chilenischen Nationalbank. Sicher nicht der Typ für den schnellen radikalen Wandel.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 11. März 2022 um 13:22 Uhr.