Donald Trump | AFP
Analyse

Nach Cheneys Wahlniederlage Trumps Comeback wird realistischer

Stand: 17.08.2022 18:52 Uhr

Nachdem es Trump gelungen ist, seine Kritikerin Cheney zu entmachten, wird seine politische Wiederkehr wahrscheinlicher. Den Boden dafür bereiten katastrophale Umfrageergebnisse von US-Präsident Biden.

Eine Analyse von Sebastian Hesse, ARD-Studio Washington

Spätestens jetzt, mit Liz Cheneys krachender Wahlniederlage, muss man sich wohl an den Gedanken gewöhnen: Der rachsüchtige Ex-Präsident Donald Trump steht womöglich vor einem politischen Comeback. Das systematische Abstrafen seiner prominentesten innerparteilichen Kritikerin zeigt, dass aufgeschmissen ist, wer in der republikanischen Partei nicht Trumps Rückendeckung hat.

Sebastian Hesse ARD-Studio Washington

Sein Säuberungsprozess gelingt: Wer sich nicht bedingungslos Trump unterordnet, der darf sich nicht mehr Republikaner nennen. Eine schier unfassbare Entwicklung: Nach dem Sturm auf das Kapitol ging auch Trumps engstes Umfeld davon aus, dass der Wahlverlierer politisch tot ist. Von wegen.

Zwar sind die Enthüllungen des Untersuchungsausschusses vielen unter die Haut gegangen: Trumps Weigerung, dem rasenden Mob Einhalt zu gebieten, seine systematischen Versuche, das Wahlergebnis zu seinen Gunsten zu manipulieren.

Doch spätestens seit der Hausdurchsuchung in Mar-a-Lago wissen die Republikaner, wie man den Kopf aus der Schlinge zieht: Alle Attacken auf Trump werden eingewoben in den Mythos, das korrupte Establishment, dem Trump den Kampf angesagt hat, wolle ihn mit allen unlauteren Mitteln vernichten. An Trumps Wählerbasis zieht das ohnehin: Dieser ist erfolgreich eingeredet worden, jeder Angriff auf Trump sei auch ein Angriff auf sie selber.

Bidens Schwäche ist Trumps Stärke

Warum aber toleriert auch eine breitere Öffentlichkeit diese unerhörte und historisch beispiellose Entwicklung? Den Schlüssel zum Verständnis liefern Joe Bidens desaströse Umfragewerte: Bidens Schwäche ist Trumps Stärke. "Geht es Ihnen heute besser, als es Ihnen vor vier Jahren ging?" - so hatte Ronald Reagan 1980 eine schlichte Frage formuliert, die seither in den USA der wichtigste Gradmesser für Wahlentscheidungen ist.

Inflation, Rezession, Preisexplosion, Migration - und die gefühlte Demütigung durch den chaotischen US-Truppenabzug aus Afghanistan: All das lastet den Amerikanern erheblich auf der Seele. Eine Mehrheit würde heute wohl Reagans Frage mit "nein" beantworten. Unter Trump lebte es sich sorgloser.

Zugleich ist Bidens politischen Gegnern klar, dass nur Geschlossenheit zum Wahlsieg führt. In sich zerrüttete Parteien, die sich primär mit sich selbst beschäftigen, sind unattraktiv. Zu Bidens Schwäche tragen schließlich auch die Flügelkämpfe bei den Demokraten bei. Geschlossen gegen Biden: Das kann nur mit Trump und dank der neuen Wählerschichten, die er für die Republikaner erschlossen hat, gelingen. Deshalb sind Störenfriede unerwünscht, deshalb musste Cheney weg.

Am Tag nach ihrer politischen Vernichtung scheint es, als könne nur noch eines Trump aufhalten: die Justiz. Doch die Welle der Empörung angesichts der Hausdurchsuchung hat einen Vorgeschmack darauf geliefert, was im Falle einer Anklage Trumps passieren dürfte. Nach zwei gescheiterten Amtsenthebungsverfahren weiß Justizminister Merrick Garland, wohin ein Prozess gegen Trump führen könnte: Im Extremfall an den Rand eines Bürgerkrieges.

Justiz dürfte zunächst zaghaft sein

Um des sozialen Friedens willen dürfte sich die Justiz so lange zurückhalten, bis die Beweislage erdrückend und eindeutig ist. Während also weiter ermittelt wird, räumt Trump einen Stein nach dem anderen aus dem Weg zurück ins Weiße Haus: Mit Cheney hat er einen gewaltigen Brocken beseitigt.

Über dieses Thema berichtete NDR Info am 17. August 2022 um 22:38 Uhr.