Lula da Silva  | EPA

Präsidentenwahl in Brasilien Nur verhaltener Jubel im Lula-Lager

Stand: 03.10.2022 07:43 Uhr

Das war knapper als gedacht: Herausforderer Lula hat zwar die erste Runde der Präsidentenwahl gewonnen. Amtsinhaber Bolsonaro schnitt aber besser ab als erwartet. Nun steht das Land vor angespannten Wochen.

Von Anne Herrberg, ARD-Studio Rio de Janeiro

Es war kurz nach 20 Uhr, als schließlich Jubel auf der Praça São Salvador in Rio de Janeiro ausbrach - hier, wo die in rot gekleideten Anhänger des linken Ex-Präsidenten Lula da Silva auf das Ergebnis gewartet hatten.

Anne Herrberg ARD-Studio Rio de Janeiro

Doch es bleibt ein verhaltener Jubel mit bitterem Beigeschmack - zum Beispiel für Raul Palermo und Petra Novais. Sie hatten auf einen Sieg Lulas schon im ersten Wahlgang gehofft: "Das Ergebnis ist wie ein Eimer kaltes Wasser, weil Lula in den Umfragen viel deutlicher vor Bolsonaro lag." Jetzt werde es kompliziert, und es gebe viel Fake News. Bolsonaro und die extreme Rechte seien stark. 

Sie habe aber keine Angst, sagt Novais: "Wir schaffen das. Bolsonaro ist homophob, rassistisch, frauenfeindlich. Das will ich nicht mehr. Ich bin sicher, unser nächster Präsident heißt Lula."

Lula gibt sich gelassen

Ende Oktober wird sich entscheiden, wer Brasilien ab 2023 regiert. Der 76-jährige Lula gab sich gelassen, als er um 22.00 Uhr in der Wahlkampfzentrale in Sao Paulo vor die Kameras trat. Dies sei einzig ein Aufschub seines Wahlsieges, erklärte er vor Anhängern.

Es sei eine zweite Chance, mit Jair Bolsonaro von Angesicht zu Angesicht über die Probleme des Landes zu diskutieren und dessen Lügen zu enttarnen: "Es steht schlecht um die Wirtschaft, die Jobs, die Gehälter, die Bildung und die Gesundheitsversorgung in unserem Land. Wir müssen Brasilien auch international wieder besser aufstellen."

Doch die Ernüchterung war ihm und auch seinen Mitstreitern anzusehen. Bolsonaro geht gestärkt aus dem ersten Wahlgang hervor - und nicht nur er: Auch bei der Wahl der Gouverneure und Senatoren waren enge Verbündete siegreich.

Bolsonaro richtet sich an arme Bevölkerung

Der rechte Amtsinhaber gab sich moderat, als er am Abend in Brasilia vor die Presse trat. Er richtete sich direkt an die ärmeren Bevölkerungsschichten, traditionell eher Lula-Wähler: "Wir werden der brasilianischen Bevölkerung zeigen, besonders den Bedürftigen, dass die Krise Folge derjenigen ist, die sagten 'Bleibt in der Pandemie alle zu Hause, die Wirtschaft gucken wir uns später an'."

Dazu komme jetzt der Krieg im Ausland. "Und mit dem Wandel, den die Linken vorschlagen, kann es noch schlimmer kommen - wie in Chile, Argentinien, Kolumbien oder Venezuela."

Bestätigt konnte sich Bolsonaro auch bei seiner Kritik an den Wahlumfragen fühlen, die er als "Lügenumfragen" bezeichnet. Sie hatten Lula zuletzt mit einem deutlichen Vorsprung gesehen.

Bolsonaro-Wählerin Carolina Veloso wundert das gar nicht: Sie habe die Ergebnisse mit der Familie in einer Bar an der Copacabana verfolgt, alle in grün-gelbe Nationaltrikots gekleidet: "Wir sehen ja, dass Bolsonaro in jeder Stadt die Massen mobilisiert, das sind die Zahlen, denen wir glauben." Die Umfragen und die Medien zeigten mit Absicht ein falsches Bild, um die Leute zu beeinflussen. "Aber das haben wir bereits erwartet, und es wäre für uns auch keine Überraschung, wenn im zweiten Durchlauf Betrug versucht wird. "

Die Wahl finden in einem politisch aufgeheizten Klima statt. Die extreme Polarisierung hat sich am Wahlsonntag erneut bestätigt. Nun stehen dem Land vier weitere angespannte Wochen Wahlkampf bevor.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 03. Oktober 2022 um 07:00 Uhr.