Die Christus-Erlöser-Statue wird am Vorabend der Präsidentschaftswahlen, in Rio de Janeiro, Brasilien, mit der Aufschrift "Frieden bei den Wahlen" beleuchtet. | AFP

Brasilien vor einer Schicksalswahl Stresstest für die Demokratie

Stand: 02.10.2022 20:25 Uhr

Die Brasilianer stimmen über ihren neuen Präsidenten ab. In den Umfragen liegt der linke Ex-Staatschef Lula da Silva deutlich vorn. Allerdings hat Präsident Bolsonaro bereits im Vorfeld Zweifel am Wahlsystem geschürt.

Von Anne Herrberg, ARD-Studio Rio de Janeiro

Geht man nach dem "Kiosk der Demokratie" auf dem Platz Largo do Machado in Rio de Janeiro, dann hat Inácio Lula da Silva die Wahl in der Tasche. "Lula hat in den letzten Tagen noch mal kräftig zugelegt, Bolsonaro ist gleichgeblieben. Lula ist von 30 auf 50 Stück pro Tag gestiegen - also um 20 Stücke pro Tag", sagt Kioskbesitzer Jefferson Ferreira. Er verkauft Handtücher, in grün und gelb mit dem Gesicht von Präsident Jair Bolsonaro - und in rot mit dem Konterfei des Ex-Staatschefs von der linken Arbeiterpartei. Die verkaufte Stückzahl notiert er für alle sichtbar auf einer kleinen Tafel.

Anne Herrberg ARD-Studio Rio de Janeiro

Data-Toalha nennt er seine Statistik: Handtuch-Umfrage - in Anlehnung an das bekannteste Umfrageinstitut Data-Folha, dessen Zahlen seien genauso manipuliert, wie seine eigene Umfrage. "Hier im Viertel leben viele Linke, die kaufen natürlich Lula. Und das gleiche passiert in den Medien. Da sagen jetzt alle, dass Lula die Wahlen gewinnt. Das Gegenteil wird der Fall sein. Bolsonaro wird wiedergewählt."

Wer vertraut den Zahlen?

Es ist die Kernfrage in Brasiliens Wahlkampf: Wer vertraut den Zahlen? Laut allen relevanten Instituten liegt Lula deutlich vor Bolsonaro. Der allerdings schürt seit Monaten Zweifel an Umfragen, Medien und auch am Wahlsystem. "Schaut auf dieses riesige Menschenmeer in grün-gelben Farben. Hier herrscht nicht das Lügen-Umfrageinstitut Data-Folha, hier sehr ihr die Data des Volkes, hier herrscht die Wahrheit", erklärte Bolsonaro am Nationalfeiertag, Anfang September, vor Zehntausenden an der Copacabana.

Misstrauen ist gesät

Sollte Bolsonaro eine Niederlage erleiden, dann muss Betrug dahinterstecken, davon sind viele seiner Anhänger überzeugt. Fachleute bestätigen seit Tagen: Brasiliens elektronische Urnen sind zuverlässig. Doch das Misstrauen ist gesät - auch, weil Bolsonaro die Wahl zu einem Kampf des Guten gegen das Böse erklärte. "Auf der einen Seite, eine Person, die Familien, Gott und das Vaterland verteidigt, auf der anderen Seite, Lula der größte Dieb der Geschichte Brasiliens."   

"Überzeugt die, die nicht wählen gehen wollen"

Lula regierte Brasilien von 2003 bis 2010. Es waren goldene Jahre, die Wirtschaft boomte - gleichzeitig blühte die Korruption, nicht nur, aber eben auch in Lulas Arbeiterpartei. Er selbst wurde, in einem umstrittenen Prozess, zu zwölf Jahren Haft verurteilt. Später wurden die Urteile aber annulliert. Lula beteuerte stets seine Unschuld. Für seine Gegner bleibt er der große Strippenzieher - entscheidend wird sein, ob er die Unentschlossenen mit ins Boot holen kann.

Auf seinem letzten Auftritt in Rio appellierter er an seine Getreuen: "Besucht Menschen, die zweifeln und sprecht mit ihnen, über die Wichtigkeit dieser Wahl für unsere Demokratie. Versucht aber keinen Fan vom Klub Vasco zu Flamengo zu konvertieren, das bringt nichts. Versteht ihr, Bolsonaro-Fanatiker werden wir nicht überzeugen können. Lasst euch auch nicht provozieren. Überzeugt die, die nicht wählen gehen wollen, dass es um unser Land geht."

Angespanntes Klima, tödliche Angriffe

Steht bei dieser Wahl wirklich Grundsätzliches auf dem Spiel? Kommt es bei einer möglichen Niederlage Bolsonaros gar zu chaotischen Szenen wie beim Kapitolsturm in Washington? Das Klima ist angespannt, es gab sogar tödliche Angriffe.  

Bolsonaro jedenfalls kippt weiter Öl ins Feuer. "Es ist notwendig, dass wir Lulas Gang bekämpfen. Wir werden kämpfen. Und ich wiederhole: Ein bewaffnetes Volk lässt sich nicht versklaven", erklärte er bei einem Auftritt im Bundestaat Sao Paulo vor wenigen Tagen. 

Vor dem "Kiosk der Demokratie" hätte er auch schon Streitigkeiten schlichten müssen, erzählt Jefferson, aber das seien Ausnahmen. Er hofft vor allem, dass die Entscheidung noch nicht im ersten Durchgang fällt - für sein Handtuch-Umfrageinstitut wären vier weitere Wochen Wahlkampf das bessere Geschäft.

Über dieses Thema berichtete MDR Aktuell am 02. Oktober 2022 um 06:10 Uhr.