Brasiliens Präsident Jair Bolsonaro wird von einem Bodyguard durch eine Menge seiner Anhänger geführt, während der Präsident in die Kamera winkt. | dpa

Brasilien Wahlkampfparty statt Jubiläumsfeier

Stand: 08.09.2022 04:12 Uhr

Eigentlich sollte in Brasilien die 200-jährige Unabhängigkeit des Landes gefeiert werden. Doch die Paraden standen im Zeichen des Wahlkampfes - und des Staatschefs Bolsonaro.

Von Anne Herrberg und Matthias Ebert, ARD-Studio Rio de Janeiro

Plötzlich herrscht Gedränge, dann kommt Präsident Jair Bolsonaro auf einem Motorrad eingefahren und bahnt sich den Weg zur Sicherheitsabsperrung am Copacabana-Strand in Brasiliens Metropole Rio de Janeiro. Er schüttelt Hände, formt Daumen und Zeigefinger zur Pistole. Seine Anhänger nennen ihn "Mito" - "Mythos".

Anne Herrberg ARD-Studio Rio de Janeiro
Matthias Ebert ARD-Studio Rio de Janeiro

Eigentlich feiert Brasilien an diesem Tag das 200. Jubiläum seiner Unabhängigkeit - doch Bolsonaro macht daraus einen Wahlkampfakt in Nationalfarben. Bereits am Morgen schwor er in der Hauptstadt Brasilia Zehntausende Anhänger auf die bevorstehende Abstimmung am zweiten Oktober ein:

Wir wissen, dass wir einen Kampf des Guten gegen das Böse vor uns haben. Das Böse hat 14 Jahre lang in unserem Land gewütet und fast unsere Heimat zerstört.

Kontrahent Lula führt in Umfragen

Damit meint Bolsonaro die Arbeiterpartei seines wichtigsten Kontrahenten im Präsidentschaftswahlkampf, Lula da Silva, der von 2003 bis 2010 an der Spitze Brasiliens stand. Lula saß später wegen Korruptionsvorwürfen in Haft. 2021 annullierte der Oberste Gerichtshof jedoch aus formalen Gründen alle Urteile gegen den linken Ex-Staatschef, weswegen er wieder kandidieren darf. Laut einer aktuellen Umfrage des Institutes Datafolha liegt Lula mehr als zwölf Prozentpunkte vor Bolsonaro.

Aus diesem Grund ist Ezequiel Siqueira extra aus dem Bundesstaat Minas Gerais nach Rio de Janeiro angereist. Der Transportunternehmer in Cowboyhut und gelb-grünem Fan-Shirt will Bolsonaro den Rücken stärken. Gerade steht er neben dem Copacabana-Strand und singt aus voller Brust die brasilianische Hymne. "Bolsonaro ist authentisch, wahrhaftig und transparent. Ein Mann des Volkes. Ein Typ, der nicht korrupt ist und der unsere Wirtschaft wieder auf Wachstumskurs bringt", ist Siqueira überzeugt.

Hunderttausende Bolsonaro-Anhänger gehen auf die Straße

Landesweit sind am Unabhängigkeitstag Hunderttausende auf die Straße gegangen. Sie alle eint ein unerschütterlicher Glaube an den Wahlsieg Bolsonaros - den schlechten Umfragewerten zum Trotz.

Im südbrasilianischen Florianopolis, einer Bolsonaro-Hochburg, jubelt Katia da Silva einer Gruppe vorbeimarschierender Soldaten mit Maschinengewehren zu. Neben ihr salutiert ein Fünfjähriger in der Uniform der Militärpolizei. Auf die Frage, was passiert, sollte Bolsonaro verlieren, antwortet da Silva entschieden: "Wenn der linke Lula gewinnen sollte, dann muss es sich um Wahlfälschung handeln. Das werden wir nicht akzeptieren und dagegen protestieren."

Niederlage "nur durch Betrug" möglich

So denken viele Bolsonaro-Anhänger und folgen damit dem Beispiel ihres Kandidaten, der seit Monaten Zweifel an Umfragen und am elektronischen Wahlsystem sät.

Auch die Demonstrantin Denise Wanderley hat "Angst davor, dass die elektronischen Urnen manipuliert werden. Denn Bolsonaro kann nur durch Betrug verlieren." Auch Siqueira in Rio de Janeiro will eine Niederlage Bolsonaros bei der Wahl nicht hinnehmen. Der gläubige Anhänger einer evangelikalen Freikirche geht fest davon aus, dass die Mehrheit der Brasilianerinnen und Brasilianer hinter Bolsonaro steht und die verschiedenen Umfrageinstitute allesamt falsch liegen.

Die Unterstützer Bolsonaros haben verschiedene Gründe. Manche befürworten die Liberalisierung des Waffenbesitzes, die 2019 umgesetzt wurde. Andere nennen die neuen, überraschend positiven Wirtschaftsdaten in Brasilien. Die offiziell registrierte Arbeitslosigkeit ist so niedrig ist wie seit 2016 nicht mehr - sie liegt bei 9,1 Prozent. Wieder andere führen die Entbürokratisierung der Wirtschaft als Bolsonaros größte Errungenschaft an.

Bolsonaro braucht die Mitte der Gesellschaft

Dessen Gegner sind am Nationalfeiertag kaum zu finden. Nur ein paar haben sich in Rio de Janeiro unauffällig unter die Demonstrierenden gemischt, so wie Robert Borba, der Lula wählen will. "Bolsonaro steht für einen Rückschritt in die Diktatur, die wir bereits hinter uns haben. Ich lehne ihn ab", sagt er.

Die Massenkundgebungen am Nationalfeiertag sind für Bolsonaro vielleicht die letzte Chance, das Ruder noch herumzureißen. Denn er braucht mehr Unterstützung aus der Mitte der Gesellschaft, um wiedergewählt zu werden. Treuen rechtskonservativen Brasilianern, wie Bárbara Evaristo, kann sich Bolsonaro ohnehin sicher sein. "Das wichtigste für mich ist, dass Bolsonaro gegen den Kommunismus kämpft. Und gegen das Recht auf Abtreibung sowie gegen die Freigabe von Drogen wie Marihuana", so Evaristo.

Sollte Bolsonaro an der Urne eine Niederlage erleiden, ist die Sorge groß, dass er diese nicht akzeptieren wird und seine Anhänger zum Protest aufruft. Das wäre ein Stresstest für Südamerikas größte Demokratie, in der die Gesellschaft ohnehin bereits extrem gespalten ist.

Über dieses Thema berichteten die tagesthemen am 07. September 2022 um 22:15 Uhr.