Jaqueline Alveres putzt Bilder auf einem Grabstein. | ARD-Studio Rio de Janeiro
Weltspiegel

Brasilien Die Grabputzerinnen von Marilia

Stand: 12.09.2021 08:38 Uhr

Reinigungsarbeiten auf dem Friedhof: Mit diesen Tätigkeiten haben es eine Mutter und ihre Tochter zu landesweiter Bekanntheit in Brasilien gebracht. Ihre Berichte auf Social Media werden gefeiert - und mit Spenden unterstützt.

Von Matthias Ebert, ARD-Studio Rio de Janeiro

Mit Hingabe schrubbt Jaqueline Alveres das vergilbte schwarz-weiß Foto auf dem Grabstein. Das schaumige Putzwasser rinnt über das Bild einer Frau mit schwarzem Hut, die laut Bronzetafel vor exakt 68 Jahren im Hinterland Brasiliens gestorben war. Auch die kleine Christus-Statue auf der Grabplatte reinigt und poliert Jaqueline liebevoll. Daneben schüttet ihre Mutter Debora etwas Wasser über das nächste Grab, um es ebenfalls einer Reinigung zu unterziehen.

Matthias Ebert ARD-Studio Rio de Janeiro

Jaqueline ist seit zwölf Jahren Putzfrau auf dem Friedhof der Stadt Marília im Bundesstaat São Paulo. "Als ich anfing, war ich 13. Ich musste damals mithelfen, weil bei meiner Mutter Darmtuberkulose diagnostiziert wurde." Debora muss seitdem mit einem künstlichen Darmausgang leben, der unter ihrem T-Shirt zu erkennen ist. Jaqueline schiebt deshalb den Handwagen mit dem Wasser-Kanister und verrichtet grundsätzlich die schweren Tätigkeiten. "Die Ärzte sagen, ich darf keine anstrengenden Tätigkeiten ausüben", erklärt Debora de Oliveira.

Ein Bild regt Phantasien an

Vor zwei Jahren hatte Jaqueline dann eine Idee: Sie stellte ihr Handy auf eine der Grabplatten und drückte auf Aufnahme. Heraus kamen Videos von ihrer alltäglichen Arbeit auf dem Friedhof. Anschließend lud sie alles bei Instagram hoch. "Plötzlich bekam ich viele Nachrichten. Leute fragten mich, ob ich schon mal was Übernatürliches gesehen habe - zum Beispiel Geister oder afrikanische Götter. Die denken, dass es hier auf dem Friedhof spukt."

Von Phantomen oder Dämonen kann Jaqueline bislang nicht berichten, dafür aber von ihren Arbeitsbedingungen. Dass es 15 Minuten dauert, bis ein Familiengrab sauber ist und glänzt. Und dass sie pro Grab umgerechnet fünf Euro im Monat verdient. Auch über das Leid, das sie während der Pandemie gesehen hat, erzählt sie auf Instagram. "Es gab außergewöhnlich viele Beerdigungen. Das ist so traurig. Viele Familien mussten Corona-Opfer begraben."

Auf dem Heimweg laufen sie neben der Friedhofsmauer an einem Graffiti vorbei: "Weg mit Bolsonaro" hat jemand dorthin gesprüht. Auch Jaqueline sieht das Pandemie-Management von Brasiliens Staatschef kritisch. Dieser habe zu spät Impfstoffe gekauft und das Virus immer wieder verharmlost.

Jaqueline und Debora Alveres putzen einen Grabstein. | ARD-Studio Rio de Janeiro

Alltag Friedhof, Alltag Tod: Die Arbeit von Jaqueline und Debora hat viele Brasilianer berührt. Bild: ARD-Studio Rio de Janeiro

Leben von 120 Euro im Monat

Als die Sonne untergeht, kommen Jaqueline und Debora mit ihrem Handwagen bei ihrem kleinen Mietshaus an, das unverputzt am Rande einer Lehmstraße steht. Jaquelines Vater war Alkoholiker und starb schon vor Langem an einer Leberzirrhose. Seitdem schlagen sich die beiden Frauen durch.

Auf dem Friedhof verdienen sie zusammen umgerechnet 120 Euro im Monat - zumindest in normalen Zeiten. Während der Quarantäne in der schlimmsten Phase der Corona-Krise waren ihre Einnahmen eingebrochen, erzählt Debora am Essenstisch. "Viele Kunden hatten damals ihre Zahlungen eingestellt. Andere wiederum ließen uns nicht im Stich und zahlten stets weiter."

Jaqueline und Debora Alveres mit einem Wagen mit Putzutensilien auf dem Friedhof. | ARD-Studio Rio de Janeiro

Bild: ARD-Studio Rio de Janeiro

Unerwartetes Interesse

Damals begann Jaquelines Instagram-Kanal "Grabstein-Putzfrau", landesweite Bekanntheit zu erlangen. Tausende Follower interessierten sich mit einem Mal für die 25-Jährige mit dem eher unheimlichen Job. Zeitungen und Fernsehsender führten Interviews mit ihr. Dadurch bekam sie nicht nur weitere Aufträge zur Grabreinigung, sondern es gingen auch Spenden ein für Jaquelines Mutter.

Denn Debora wartet seit fünf Jahren auf eine Operation beim öffentlichen Gesundheitssystem. "Unser Traum ist, dass mit Hilfe von Spenden meiner Mutter in einem Privatkrankenhaus der künstliche Darmausgang entfernt werden kann", erklärt Jaqueline. "Das würde ihre schwierige Lage verbessern."

Jaqueline selbst will nicht für immer mit dem Handwagen zum Friedhof ziehen müssen. Irgendwann wolle sie studieren, das sei ihr persönlicher Traum. Bis dahin wird sie weiter berichten - von ihrer Arbeit und dem Alltag als Putzfrau auf dem Friedhof.

Über dieses Thema berichtete das Erste am 12. September 2021 um 19:20 Uhr im "Weltspiegel".