Elerten holen ihr Kind an einer Schule in der brasilianischen Stadt Serrana ab. | AP

Impfkampagne in Brasilien Serrana - die durchgeimpfte Stadt

Stand: 04.06.2021 11:33 Uhr

In Brasilien kommen die Impfungen nur langsam voran, das Land leidet weiter unter Corona. Eine Ausnahme ist die Kleinstadt Serrana. Dort sind 97 Prozent der erwachsenen Bevölkerung geimpft.

Von Anne Herrberg, ARD-Studio Buenos Aires

Einfamilienhäuser mit Vorgarten, Straßen im Schachbrettmuster, 45.000 Einwohner: Serrana ist eine unscheinbare Kleinstadt in Brasiliens Bundesstaat Sao Paulo - und doch weltweit einzigartig. Wie überall in Brasilien litten auch die Menschen in Serrana hart unter der Pandemie, doch inzwischen hat sich die Situation normalisiert.

Anne Herrberg ARD-Studio Buenos Aires

Die Läden sind geöffnet, die Busse voll: "Alles ist wieder offen und wir sehr erleichtert, die ganze Stadt ist dankbar", sagt Aline Rosa Lopes. Das Virus scheint weitgehend unter Kontrolle. Ein Zufall ist das nicht. Serrana wurde in den vergangenen Monaten zum Labor für ein weltweit einzigartiges Feldexperiment. 

Impfstoff aus China

"Es ist die weltweit erste Studie, bei der eine komplette Stadt geimpft wird, insgesamt 30.000 Menschen", sagte Joao Doria, Gouverneur von Sao Paulo beim Start von "Projekt S" im Februar. Geleitet wird es vom renommierten Forschungsinstitut Butantan und der Universität von Sao Paulo.

"Die Ergebnisse werden wegweisend sein, nicht nur für unseren Bundesstaat Sao Paulo oder für Brasilien, sondern für die ganze Welt." Geimpft wurde in vier Gruppen mit dem chinesischen Sinovac-Impfstoff, der im Butantan-Institut selbst produziert wird und Brasiliens wichtigster Impfstoff ist.

"Pandemie unter Kontrolle"

Marlene Negrao war die erste, die den Impfstoff erhielt, erzählt sie mit Tränen in den Augen. Sie war damals die einzige ihrer Familie, die vom Virus verschont geblieben war. "Meine sechs Kinder und viele Verwandten hatten Covid-19", sagt sie. Ihre Familie war besorgt. "Ein Kind kam ins Krankenhaus, eines wurde entlassen, währenddessen ging es dem anderen wieder schlechter".

Inzwischen sind 97 Prozent der erwachsenen Bevölkerung von Serrana geimpft und erste Ergebnisse liegen vor, sagt Forschungsleiter Ricardo Palacios gegenüber dem Nachrichtensender Globo.

"Während der ersten Phase der Massenimpfung gingen die Fälle zunächst weiter nach oben. Dann, als wir mit der Verabreichung der zweiten Impfdosis begannen, gingen sie deutlich zurück", sagt er. Da drei Viertel die zweite Dosis verabreicht bekamen, könne er sagen, dass die Pandemie unter Kontrolle sei.

Strikter Lockdown in 15 Nachbargemeinden

Die Sterblichkeitsrate habe sich um 95 Prozent reduziert, es gebe 86 Prozent weniger Hospitalisierungen und 80 Prozent weniger symptomatische Fälle. Das örtliche Krankenhaus hat freie Betten. Währenddessen grassiert das Virus in den Nachbarstädten weiter: 15 Gemeinden der Region befinden sich im strikten Lockdown.

Das sorgt auch in Serrana für Beunruhigung, inzwischen werden die Zufahrtsstraßen streng kontrolliert. Besucher müssen ihre Daten hinterlassen, dürfen sich nur begrenzte Zeit in der Stadt aufhalten, Maskenpflicht herrscht weiterhin. 

2000 pro Tag in Brasilien

"Wir werden das Virus nicht ausrotten, aber wir können es kontrollieren", sagt Forschungsleiter Palacios. Es sei möglich, die Ausbreitung auf ein Niveau zu drücken, das handhabbar ist. "Wir müssen dann nicht mehr so viel Leiden erleben."

Die Ergebnisse der Massenimpfung decken sich weitgehend mit Modellrechnungen der Wissenschaft. Doch Serrana war das weltweit erste Feldexperiment dieser Art - heute ist es eine Oase im Land. Brasilien registriert weiterhin Zehntausende neue Fälle, rund 2000 Menschen sterben jeden Tag im Zusammenhang mit dem Virus. Währenddessen kommt die Impfkampagne nur langsam voran: etwas mehr als 21 Prozent der Bevölkerung haben die erste Impfdosis erhalten, knapp elf Prozent sind vollständig geimpft.

Über dieses Thema berichtete B5 aktuell am 26. Mai 2021 um 07:51 Uhr.