Ein Mädchen in Bolivien arbeitet in der Landwirtschaft. | dpa

Kinderarbeit in Bolivien Eine Wirklichkeit, die nicht verschwindet

Stand: 12.06.2022 03:45 Uhr

Weltweit müssen nach UN-Schätzungen etwa 160 Millionen Kinder arbeiten. Seit der Corona-Pandemie steigt die Zahl wieder. In Bolivien gibt es seit Jahren eine Diskussion über den Umgang mit Kinderarbeit.

Von Kai Laufen, ARD-Studio Rio de Janeiro

Neunjährige Mädchen stehen nachts vor Diskotheken und verkaufen Zigaretten an ausländischen Touristen: ein ganz normaler Anblick etwa in Ecuadors Hauptstadt Quito. Kleine Jungs, die feinen Herren die Schuhe polieren: Alltag in Bogotá, der Hauptstadt Kolumbiens. Und Elfjährige, die viele kiloschwere Säcke mit Mais, Reis oder Bohnen schleppen: Normalität in Peru. Kein Land in Südamerika ist frei von Kinderarbeit und fast überall wird sie hingenommen.

Kai Laufen

Legalisierung der Kinderarbeit in Bolivien

In Bolivien aber hat sich eine Diskussion um die Arbeit von Jungen und Mädchen darum entwickelt. Denn die linke Regierung unter Evo Morales hatte im Jahr 2014 etwas bis dahin Unerhörtes getan und Kinderarbeit legalisiert. Zumindest unter bestimmten Bedingungen, wie die Menschenrechtsanwältin Bianca Mendoza klarstellt: "Dieses Gesetz war auf die wirklichen Lebensbedingungen der betroffenen Kinder zugeschnitten, die dafür auch zu Rate gezogen wurden."

Auch hätten nur Kinder ab zehn Jahren offiziell arbeiten dürfen - und nur, wenn sie aus extrem armen Verhältnissen stammten. Dazu sei ein Mindestlohn festgelegt worden, so Mendoza. Zudem gab es Sozialleistungen und Nachtarbeit war verboten, ebenso harte und gefährliche Arbeit wie im Bergbau oder im Zuckerrohranbau. Der Schulbesuch und regelmäßige Gesundheitschecks dagegen waren zwingend vorgeschrieben.

 

Internationale Kritik an Bolivien

Kinderrechtsanwältinnen wie Mendoza begrüßten das Gesetz als fortschrittlich. Die Internationale Arbeitsorganisation ILO und das Kinderhilfswerk UNICEF allerdings waren entsetzt: Jegliche Kinderarbeit definieren sie als Ausbeutung. Im Jahr 2018 nahm die bolivianische Regierung das Gesetz auf internationalen Druck zumindest in umstrittenen Passagen zurück, denn es verstieß gegen Normen der Vereinten Nationen.

"Viele von uns glauben, dass, solange Kinderarbeit nicht sichtbar gemacht wird, keine wirklichen Lösungen möglich sind, weil wir in einer Kristallkugel leben, in der wir unsere eigenen Lügen glauben", sagt Mendoza.

800.000 Kinder in Bolivien arbeiten

Tatsächlich habe sich die Situation der Kinder nicht verbessert, nachdem das Gesetz wieder kassiert wurde, so Mendoza. Im Gegenteil: Die Zahl der arbeitenden Kinder, die zuvor von etwa 850.000 auf knapp über 740.000 gefallen war, stieg wieder. Und dies erst recht in der Corona-Pandemie. "Wir haben Kinder im Alter ab fünf Jahren, die Süßigkeiten, Kekse und Kleinigkeiten wie Haargummis, Rasierzeug und anderes verkaufen", sagt Mendoza.

Dies sei früher, etwa nachts, gesehen worden, da es Einschränkungen gab. "Jetzt, nach der Pandemie", so die Anwältin, würden Kinder wieder viel häufiger beim Arbeiten gesehen werden. "Mit all den Risiken, die das mit sich bringt."

Offiziell schätzt das Kinderhilfswerk UNICEF die Zahl der arbeitenden Kinder in Bolivien inzwischen wieder auf mehr als 800.000. Der Streit, wie damit umgegangen werden soll, geht weiter.

Über dieses Thema berichtete am 12. Juni 2022 Deutschlandfunk um 11:00 Uhr und NDR Info um 18:34 Uhr.