Aubrey Schlackmann steht auf einem Feld. | Julia Kastein
Reportage

US-Bundesstaat Texas Entbindungsranch statt Abtreibung

Stand: 05.05.2022 12:26 Uhr

In Texas sind Abtreibungen ab der sechsten Schwangerschaftswoche verboten. Eine Frau will deshalb Schwangeren helfen, die gezwungen sind, ihr Kind auszutragen. Oft sind sie Opfer häuslicher Gewalt.

Von Julia Kastein, ARD-Studio Washington

Aubrey Schlackman steht im Wind auf einer weiten Wiese und zeigt auf eine Baumreihe am Horizont. Hier, etwa eine Autostunde nördlich von Dallas, will die Mittdreißigerin eine Entbindungsranch aufziehen: ein großes Gemeinschaftszentrum und Wohnhäuser für Frauen und ihre Kinder, auf einem Gelände so groß wie 50 Fußballplätze.

Julia Kastein ARD-Studio Washington

Die Idee für die Entbindungsranch kam der zweifachen Mutter, als sie gerade nach dem Einkaufen auf dem Nachhauseweg an einer Ranch vorbeikam, die zum Verkauf stand. Nicht nur ein vager Plan, sondern eine vollständige, detaillierte Vision, sagt Aubrey - wie ein Blitzschlag. "Ich glaube, dass der Herr uns Leidenschaften schenkt, die uns antreiben und zeigen, wie wir Nächstenliebe praktizieren können. Und für uns ist es das."

"Du musst pro-Mutter sein"

Mit "uns" meint Aubrey ihren Mann Brian und inzwischen ein gutes Dutzend Freiwillige. Die göttliche Vision traf die junge Frau mit Pferdeschwanz, Cowboystiefeln und dem Logo ihrer frisch gegründeten Hilfsorganisation "Blue Haven Ranch" auf dem grünen T-Shirt schon Anfang 2020. Also lang bevor das Abtreibungsrecht in Texas so verschärft wurde, dass legale Schwangerschaftsabbrüche dort quasi unmöglich sind.

Sie selbst sei auch gegen Abbrüche, sagt Aubrey beim Abendessen in einem mexikanischen Restaurant. "Aber ich finde, wenn man ein Gesetz kreiert, dass die Wahlmöglichkeiten der Leute einschränkt, dann muss man mit dieser Wahl trotzdem helfen. Du musst pro-Mutter sein. Wenn Du wirklich für das Leben bist, dann musst Du darauf auch Taten folgen lassen."

Viele Opfer häuslicher Gewalt

Und das macht Aubrey: Für die eigentliche Ranch, ein Millionen-Projekt, sammelt sie noch Spenden. Aber das Geld reicht jetzt schon, um mittlerweile fünf alleinerziehenden Müttern zu helfen. Aubrey bezahlt ihnen die Miete und Lebenshaltungskosten bis zum ersten Geburtstag der Kinder. Alle Frauen hätten bereits mehrere Kinder.

Viele waren Opfer häuslicher Gewalt. Eine ihrer Schützlinge, die schon drei Kinder hat und von ihrem Mann misshandelt wurde, sei schon zum Abbruch entschlossen gewesen. "Weil die Beziehung so traumatisch war, wollte sie nicht noch ein Kind in diese Situation bringen und sah keinen Ausweg. Deshalb wollte sie eine Abtreibung."

Wegen des neuen Abtreibungsgesetzes in Texas, in dem Abbrüche nach der sechsten Woche verboten sind, war es dafür schon zu spät. Über eine christliche Beratungsstelle landete die Frau mit ihren Kindern bei Aubrey.

Gegenleistung: Christentum respektieren

Als Gegenleistung erwartet Aubrey von ihren Müttern, dass sie jede Woche einmal zum Gemeinschaftstreffen kommen. Mal ist dann Bibelstunde, mal trainieren die Frauen, einen Lebenslauf zu schreiben. Immer gibt es am Ende ein gemeinsames, selbstgekochtes Abendessen. Die Frauen müssten sich nicht zum Christentum bekennen, aber es respektieren, sagt Aubrey.

Viel wichtiger sei ihr, dass die Frauen auch nach dem Jahr in ihrer Obhut mit ihren Familien gut alleine und ohne Finanzhilfen klarkommen. Deshalb liegt ein großer Fokus auf Weiterbildung. "Eine war Friseurin und will jetzt Stillberaterin werden. Ich bezahle ihre Online-Fortbildung. Und daran arbeitet sie jetzt. Bald hat sie ihre Lizenz. Und so wird sie ihr Jahreseinkommen um 20.000 bis 30.000 Dollar erhöhen können, und in einer weitaus besseren Situation sein, um für sich und ihre Kinder zu sorgen."

Aubrey Schlackmann vor einem Hühnerhaus. | Julia Kastein

Aubrey Schlackmann möchte, dass die Mütter und ihre Familien später möglichst viele Lebensmittel auf der Ranch selbst herstellen. Bild: Julia Kastein

Kein Männerbesuch, keine Liebesbeziehung

Außerdem müssen sich die Frauen vertraglich verpflichten, keinen Männerbesuch in ihren Wohnung zu empfangen und keine Liebesbeziehung einzugehen. Damit sie nicht wieder ungewollt schwanger werden, während sie versuchen, ihr Leben in den Griff zu bekommen.

Interviews geben die Mütter selbst gerade nicht. In einem Hochglanzvideo auf der Website der Ranch lobt Beth, Aubreys erste Mutter, die Erfahrung: "Ohne 'Blue Haven Ranch' wären die Berge des Lebens kaum zu überwinden gewesen. Jetzt sind das nur noch kleine Hügel. 'Blue Haven' ist ein Gottesgeschenk."

Schon jetzt hat Aubrey mehr hilfesuchende Frauen als Plätze. Und falls der US-Supreme Court das Recht auf Abtreibungen tatsächlich kippen sollten, rechnet sie mit noch mehr Zulauf. Sie hofft, dass deshalb auch viele andere Evangelikale Hilfsangebote wie das ihre schaffen.

Über dieses Thema berichtete NDR Info am 05. Mai 2022 um 15:05 Uhr.