Anhänger von Raila Odinga jubeln bei einer Wahlkampfveranstaltung. | REUTERS
Weltspiegel

Wahl in Kenia Hoffnung auf eine Politik für die Armen

Stand: 07.08.2022 08:57 Uhr

Kenia ist politisch eines der stabilsten Länder Afrikas. Wenn am Dienstag ein neues Parlament und der Präsident gewählt werden, droht trotzdem Unruhe. Die Kandidaten versprechen viel - und wecken große Hoffnungen.

Von Norbert Hahn, ARD-Studio Nairobi

Tony Franklin Wangalwa hält seine dreijährige Tochter auf dem Arm und lauscht den Worten seines Kandidaten in der Hafenmetropole Mombasa. Oben auf der Bühne spricht Präsidentschaftskandidat Raila Odinga und gibt sich siegessicher: "Alle Umfragen sehen uns in Führung. Und Meinungsumfragen lügen nicht."

Norbert Hahn ARD-Studio Nairobi

Wangalwa hat schon Odingas Vater unterstützt. Nun also hofft er, dass Raila Odinga endlich Präsident wird. Odinga hat Arbeit versprochen und einen Sozialfonds, aus dem zwei Millionen ärmere Familien monatlich umgerechnet 50 Euro erhalten sollen. Wangalwa würde das helfen: Seinen Arbeitsplatz als Koch hat er verloren, als das Hotel, in dem er angestellt war, in der Corona-Pandemie schloss. Nun backt er Fladenbrote und frittiert Teigtaschen draußen, an einem Stand.

Ich suche immer noch einen Job, weil das hier nicht reicht. Ich habe ein Kind, das jeden Monat Medizin für 45 Euro braucht. Aber Jobs gibt es kaum, weil sich die Wirtschaft durch die schlechte politische Führung nicht erholt. Selbst der, der wirklich sucht, bekommt keine Arbeit.

Es ist die Hoffnung, die viele in Kenia an die Wahlurnen trägt. Die Hoffnung auf ein erträgliches Leben, die Hoffnung, dass Wahlversprechen Wirklichkeit werden. Versprechen, mit denen auch Präsidentschaftsmitbewerber William Ruto in den Wahlkampf gezogen ist. Der ehemalige Volksschullehrer gibt sich als Mann der Massen, fern der kenianischen Polit- und Gesellschaftselite. Dabei ist er selbst (noch) Vize-Präsident und, wie sein Mitbewerber, mutmaßlicher Milliardär.

Tony Franklin Wangalwa

Tony Franklin Wangalwa sieht in Odinga einen ehrlichen und aufrechten Demokraten, dessen Politik ihm zu einer neuen Anstellung verhelfen kann.

Wahlversprechen kosten mindestens eine Milliarde Dollar

Mit solchen Feinheiten haben sich die kenianischen Wähler aber längst abgefunden. Auch Rose Bokeri. Sie hat ihren Arbeitsplatz als Teepflückerin verloren, weil die Plantage, auf der sie angestellt war, moderne Maschinen eingeführt hat. Auf ihrer eigenen, kleinen Tee-Parzelle kann sie sieben Cent für ein Kilo gepflückten Tee einnehmen - etwa einen Euro hat sie am Ende des Tages verdient. Zu wenig zum Leben. Auch Ruto-Wählerin Rose Bokeri bleibt nur die Hoffnung:

Wenn Ruto gewinnt, wird er den Preis für Tee anheben und die Maschinen von den Plantagen verbannen. Er hat früher Tee gepflückt und Eier eingesammelt. Er versteht das Leben der Menschen, die arm sind.

Mindestpreise für landwirtschaftliche Produkte, Subventionen für Düngemittel, Unterstützung für die Gründung von Kleinstunternehmen: Rutos Wahlversprechen würden den Staat etwa eine Milliarde Dollar kosten, Odingas Ideen gar 1,5 Milliarden. Das ist viel für ein Land, das mit der Schuldenlast kämpft. Subventionen und Zusammenbruch des Tourismus während der Corona-Pandemie, Großprojekte der Infrastruktur wie eine neue Eisenbahnlinie und die neue Stadtautobahn in Nairobi, hinzu kommt die grassierende Korruption - internationale Kreditgeber blicken mit Sorge auf das Land. Mit Ende der Amtszeit von Präsident Uhuru Kenyatta soll Kenia viermal so viel Schulden angehäuft haben wie beim Amtsantritt.

Rose Bokeri

Rose Bokeri hofft, dass Ruto den Beschäftigten in der Landwirtschaft zu gerechten Löhnen verhilft.

Odinga nennt Ruto "vergessliches Warzenschwein"

Es ist ein schweres Erbe, doch die Wahlkämpfer denken erstmal ans Gewinnen. Das wurde bei den vorangegangenen Wahlen oft überschattet durch Vorwürfe der jeweiligen Verlierer, den Urnengang manipuliert zu haben. Aus Angst vor Unruhen haben manche die Hauptstadt verlassen, in einige Regionen wurden zusätzliche Sicherheitskräfte und Wasserwerfer geschickt.

Zumindest das Potenzial für Unruhe ist vorhanden. Zwar haben die beiden Spitzenkandidaten versprochen, das Endergebnis anzuerkennen. Verbal haben sich aber beide nichts geschenkt. Odinga hat Ruto etwa ein "vergessliches Warzenschwein" genannt, das nach jedem Knüppelschlag seine Lektion schnell vergesse - so, wie Ruto seine Wahlversprechen vergesse. Ruto wirft der Konkurrenz vor, in Villen zu hausen und in feinen Anzügen auf die Welt zu kommen. Und natürlich an den Meinungsumfragen herumzufingern, die Odinga zuletzt leicht vorne sahen.

Karte Kenia mit Nairobi

Gegen Ende der Woche wird sich zeigen, ob einer der beiden die absolute Mehrheit erreicht oder ob es eine Stichwahl braucht. Und: Weil auch das Parlament gewählt wird, ist keinesfalls sicher, dass einer der beiden durchregieren kann. Denn ohne die Mehrheit seiner Partei im Parlament würde der neue Präsident kaum Gesetzesinitiativen durchbringen. Weder für Tony Franklin Wangalwa noch für Rose Bokeri könnte sich das Leben dann zum Besseren wenden.

Über dieses Thema berichtet der Weltspiegel heute um 18:30 Uhr im Ersten.

Über dieses Thema berichtete der Weltspiegel am 07. August 2022 um 18:30 Uhr.