Touristen liegen am Strand in Sousse (Archivbild). | dpa

Corona-Pandemie Tunesien hofft auf Touristen aus Osteuropa

Stand: 02.06.2021 02:27 Uhr

Das beliebte Urlaubsland Tunesien heißt trotz eines Höchststandes an Corona-Toten wieder Touristen willkommen. Vor allem "furchtlose" Reisende aus Russland und Osteuropa lassen viele in der tunesischen Tourismusbranche hoffen.

Von Dunja Sadaqi, ARD-Studio Nordwestafrika

Mitten in Tunesiens Corona-Krise erreichen Charterflüge mit Urlaubswilligen den Flughafen in Enfidha-Hammamet. Ihr Ziel sind die Strände von Tunesiens Tourismushochburgen: Sousse, Hammamet, Djerba. Ein Reisender nach dem anderen wird vor die Wärmebildkamera gelotst, die Flughafenmitarbeiter tragen weiße Kittel und einen Mund-Nasen-Schutz.

Dunja Sadaqi ARD-Studio Rabat

Seit Anfang April sind schon dutzende Flüge pro Woche so in Tunesien abgefertigt worden. Moskau oder Prag steht auf den Anzeigetafeln - die Touristen kommen hauptsächlich aus Russland und Osteuropa - so wie Andrej Radiokove aus Moskau. "Die Türkei hat die Grenzen geschlossen. Und wir haben uns entschlossen, hierher nach Tunesien zu kommen, denn es ist ein ähnliches Land, das für Touristen aus Russland offen ist", sagt Radiokove.

Pandemie keineswegs vorbei - im Gegenteil

Sich an den feinen weißen Stränden bräunen oder Tanzanimationen in den Hotelanlagen bestaunen - das geht im kleinen nordafrikanischen Tunesien leichter als anderswo - trotz Corona, sagt auch auch der 22-jährige Jurastudent Serafim Stoynovski aus Bulgarien der französischen Nachrichtenagentur AFP:

Die bulgarischen Reiseagenturen haben uns gesagt, dass die Einschränkungen hier nicht so hart sind wie in anderen Ländern. Deswegen haben wir uns auch für Tunesien entschieden. Du kannst Spazieren gehen, in ein Restaurant, um einen Kaffee zu trinken - solche Sachen. Das ist hier kein Problem.

Dabei ist in Tunesien die Pandemie keineswegs vorbei - im Gegenteil. Als Tunesien Ende April seine Grenzen für Reiseveranstalter öffnete, hatte die Zahl der Corona-Toten mit mehr als 12.000 Todesfällen gerade einen Höchstwert erreicht. Krankenhäuser schlugen Alarm, weil der Sauerstoff knapp wurde. Das Ergebnis: Eine Woche Lockdown Anfang Mai.

Einreise ohne Impfung

Trotzdem kommen seitdem weiterhin gut zehn Flüge pro Woche mit mutigen Urlaubsreisenden ins Land. Stellten sonst Westeuropäer die Mehrheit, kommen jetzt die Touristen vor allem aus dem Osten Europas und aus Russland - und zwar ungeimpft. Lediglich einen negativen PCR-Test müssen die Touristen dieser Gruppenreisen vorweisen, die einwöchige Quarantäne für alle, die nicht mit einem Reiseveranstalter ins Land kommen, bleibt ihnen erspart. 

Darüber sind viele in der Tourismusbranche froh. Tunesien steckt in einer wirtschaftlichen Krise, die Öffnung für ausländische Touristen ist ein Weg, um in der Sommersaison das zu retten, was noch zu retten ist, sagen viele. Zahlreiche Familien hängen vom Tourismus ab. Viele konnten monatelang nicht mehr arbeiten: Rettungsschwimmer, Souvenirverkäufer, Tourguides und und und.

Tourismusbranche leidet weiterhin

Trotzdem: Der Tourismus bleibt eingeschränkt. Die Hotels dürfen ihre Kapazitäten nur zu 50 Prozent auslasten und haben damit schon ihre Probleme, erzählt Adel Mlayah. Er ist stellvertretender Direktor des Mouradi Palace in der Küstenstadt Sousse. Sein Hotel beschäftigt normalerweise bis zu 270 Angestellte, jetzt kann er nur gut 120 von ihnen Arbeit geben.

Unser Hotel kann eine Kapazität von 1200 Gästen erreichen, aber aufgrund der Coronavirus-Pandemie zwingt uns das Gesundheitsministerium, eine Kapazität von 600 Kunden nicht zu überschreiten. Wenn Sie nicht mit Ihrer gesamten Kapazität arbeiten können, müssen Sie automatisch auch die Anzahl der Mitarbeiter reduzieren.

Der Urlaubsort Sousse kämpft schon seit Jahren um die Rückkehr der Touristen. Die Terroranschläge 2015 auf Touristen haben die ganze Branche in die Knie gezwungen. Der Tourismus erholte sich langsam - dann kam die Pandemie.

Entscheidung nicht ohne mulmige Gefühle

Laut offiziellen Angaben ist der Tourismus in Tunesien um mehr als die Hälfte eingebrochen. Taoufik Gaied, Regionalkommissar für Tourismus in Sousse, hofft, dass dieses Jahr wenigstens eine Millionen Touristen kommen. 2019 waren es noch neun Millionen.

Seit dem 29. April haben wir den ersten Flug am Flughafen Enfidha-Hammamet begrüßt. In der folgenden Woche waren es schon mehr als fünf Flüge, und diese Woche schon rund 10 Flüge. Wir hoffen, dass es so weitergeht. Und dass der Touristenstrom von Woche zu Woche weiter zunimmt.

Das sehen aber auch viele kritisch. Der Druck, Arbeit zu finden, ist in Tunesien bei vielen gerade größer als die Angst, sich anzustecken. Trotzdem bleibe ein mulmiges Gefühl, sagt der stellvertretende Hoteldirektor Adel Mlayah.

Unsere Mitarbeiter sind nicht geimpft. Das Personal fühlt sich nicht wohl, weil es Menschen aus Tunesien oder aus dem Ausland empfängt, die geimpft sind oder aber auch nicht. Es besteht ein Risiko. So lässt es sich nicht in Gelassenheit arbeiten, das belastet die Leistung der Angestellten.

Nur rund zwei Prozent der Menschen in Tunesien sind geimpft - wie in vielen afrikanischen Staaten fehlt es an ausreichend Impfstoff. Gleichzeitig wächst die Angst vor Mutanten, die auch der ziemlich jungen Bevölkerung gefährlich werden könnte.

Über dieses Thema berichtete die ARD Infonacht im Hörfunk am 02. Juni 2021 um 05:42 Uhr.