Arbeiter bereiten Gesichtsschutzschilde aus recyceltem Kunststoff vor. | REUTERS

Corona-Krise in Tansania Weg vom Wegbeten

Stand: 14.06.2021 13:48 Uhr

Gebete gegen Covid-19 - das hielt Tansanias kürzlich verstorbener Staatschef Magufuli für ausreichend. Seine Nachfolgerin Suluhu erkennt die Gefahr an. Doch ergreift sie auch praktische Maßnahmen?

Von Stefan Ehlert, ARD-Studio Nairobi

Die Reise- und Sicherheitshinweise des Auswärtigen Amtes verkünden weiterhin wenig Beruhigendes über das ostafrikanische Tansania. Es sei ein Gebiet mit einem besonders hohen Infektionsrisiko, steht dort zu lesen. Allerdings veröffentliche die tansanische Regierung auch weiterhin keine Zahlen. Die Frage ist sogar, ob die Regierung die Zahl der Corona-Infektionen überhaupt erhebt.

Stefan Ehlert ARD-Studio Rabat

Seit Mai 2020 steht das Land mit seinen 58 Millionen Einwohnern offiziell bei 509 registrierten Corona-Infektionen und 21 Todesfällen. Der im März – möglicherweise ebenfalls an Corona -   verstorbene Präsident John Magufuli ergriff nur anfänglich Maßnahmen wie Schulschließungen, die er bald wieder aufhob. Er setzte lieber auf Gebete statt auf Prävention und polterte: "Impfen ist unnötig. Wenn die Weißen in der Lage wären, uns Impfstoff zu liefern, dann hätten sie ja auch einen Impfstoff gegen HIV-Aids entwickeln können."

John Magufuli (Archivbild von 2015) | REUTERS

Tansanias Präsident Magufuli ignorierte das Coronavirus ... Bild: REUTERS

Im internationalen Kampf gegen die Pandemie stellte sich Magufuli ins Abseits. Anders als die Regierung im noch viel ärmeren Nachbarland Mosambik ergriff die in Tansania seit Juni 2020 Präventions-Maßnahmen mehr, weder verbot sie Menschenansammlungen, noch verhängte sie Ausgangssperren. Selbst Masken zu tragen, war unüblich.

Große Hoffnungen auf die neue Präsidentin

Magufulis Nachfolgerin wurde seine Vizepräsidentin Samia Suluhu. Sie stammt aus Sansibar und wurde von vielen Menschen mit großen Hoffnungen begrüßt. Nur vier Wochen nach Magufulis Tod erklärte Samia Suluhu die Strategie des Nichtstuns gegen Corona für beendet: Tansania könne sich "nicht abschotten wie eine Insel", sagte sie. Ihr Land könne aber, erklärte sie weiter, "auch nicht einfach alles annehmen, was uns angeboten wird, ohne dass wir gefragt werden".

Sprich: Tansania müsse seinen eigenen Weg finden, um mit der Pandemie fertig zu werden, ohne auf Erkenntnisse und Hilfe aus dem Ausland zu verzichten.

Samia Suluhu Hassan | REUTERS

.... seine Nachfolgerin Suluhu nimmt es zumindest verbal ernster. Bild: REUTERS

In der Bevölkerung sei das gut angekommen, glaubt der Politologe Nicodemus Mbinde. Dass die Präsidentin die Existenz von Covid-19 im Land anerkenne, sei "ein sehr positiver Schritt". Ein Jahr lang habe sich Tansania "im Stande der Verleugnung" befunden - jetzt gebe es wieder "Optimismus und Hoffnung".

Ein drastischer Kurswechsel

Suluhu setzte eine Experten-Kommission ein. Der Bericht des Kommitees wurde vor vier Wochen veröffentlicht. Es war ein Paukenschlag, der das ganze Land erschütterte: Die Expertinnen und Experten empfahlen einen drastischen Kurswechsel und 19 konkrete Schritte.

Dazu zählte, dass Tansania sich um Impfstoff bei der Covax-Initiative bewerben solle und endlich der Weltgesundheitsorganisation (WHO) seine Zahlen melden müsse. Genau das hat auch der Internationale Währungsfonds zur Bedingung für einen Notfallkredit in Höhe von fast einer halben Milliarde Euro gemacht.

Noch nicht einmal eine Plakatkampagne

Was genau die Regierung seitdem in die Wege geleitet hat, ist nicht ganz klar. Bislang gibt es noch nicht einmal eine Plakat-Kampagne zur Aufklärung der Bevölkerung. Beobachter in Daressalam sagen, Frau Suluhu gehe sehr behutsam vor. Sie wolle Gefolgsleute ihres Vorgängers nicht bloßstellen und die eigene Partei nicht verprellen.

Aber anders als im Vorjahr werde bei den derzeitigen Haushaltsberatungen für das Gesundheits-Budget des kommenden Jahres über Geld für die Corona-Bekämpfung gesprochen, sagt Elisabeth Bollrich, Büroleiterin der Friedrich-Ebert-Stiftung in Daressalam: "Das Bild hat sich deutlich geändert, auch das der Präsidentin in den Medien."

Ein anderes Auftreten

Suluhu tritt inzwischen häufig in der Öffentlichkeit mit Mund-Nasen-Schutz auf - die Geste fällt auf und sie findet Nachahmerinnen und Nachahmer. Und ihr Parteifreund Hussein Mwinyi, der Präsident von Sansibar, wirbt sogar schon heute öffentlich für die Impfung, die bald kommen soll. Sie sei freiwillig, niemand werde dazu gezwungen - "aber wir sollten uns auch nicht betrügen lassen, wenn uns jemand erzählt, wer sich impfen lasse, der sterbe", betont er. "Die ganze Welt lässt sich impfen."

Nur die Bevölkerung in Tansania noch nicht. Es ist neben Tschad und Eritrea eines der wenigen Länder in Afrika, in dem die Impfungen noch nicht einmal begonnen haben. 

Über dieses Thema berichtete MDR Aktuell am 14. Juni 2021 um 13:21 Uhr.